
Wenn Pumpenträger zu einer Operation ins Krankenhaus müssen, verlangen viele Chirurgen und Narkoseärzte, dass die Insulinpumpe vor der Operation abgelegt wird. Weil sie die Insulinpumpe nicht kennen und aus Angst vor möglichen Zwischenfällen überlassen sie die Insulinversorgung lieber der Infusion, an die der Patient ja ohnehin für die Dauer der Operation angeschlossen ist. Dabei ist dies inden meisten Fällen gar nicht notwendig, sagt der Narkosearzt Dr. Stephan Ley von der Klinik für Anästhesiologie an der Universitätsklinik Düsseldorf. Er trägt selbst eine Insulinpumpe und hat sich intensiv mit dem Thema Perioperatives Management des Diabetes mellitus befasst.
Im Interview erzählt er, worauf vor allem Insulinpumpenträger im Krankenhaus achten sollten.
Herr Dr. Ley, warum verlangen so viele Ärzte, dass die
Insulinpumpe bei einer Operation abgelegt wird?
Dr. Ley: Die meisten Ärzte, in diesem Fall
sind es vor allem Chirurgen und Narkoseärzte, kennen die Insulinpumpe nicht,
denn sie haben nur selten Patienten, die eine solche Pumpe tragen. Diabetiker
auf dem Operationstisch sind zwar nicht selten, doch bei ihnen ist es üblich,
dass die Regelung des Blutzuckerspiegels über die bewährten subkutanen Injektionen
oder Insulin-Glukose-Kalium-Lösungen aus Spritzen oder Perfusoren erfolgt. Trägt
der Patient eine Insulinpumpe, mit der der Arzt nicht vertraut ist, fürchtet
er Komplikationen, für die er später verantwortlich gemacht werden kann. Dafür
muss man Verständnis haben. Hinzu kommt, dass Operationen immer großen Stress
bedeuten und der Blutzuckerspiegel entsprechend schwanken kann. Trotzdem muss
man auf seine Insulinpumpe nicht verzichten, wenn man im Vorfeld entsprechende
Vorbereitungen trifft.
Bei welchen Operationen muss denn die Insulinpumpe abgelegt
werden, bei welchen nicht? Oft heißt es, die Vollnarkose sei das entscheidende
Kriterium.
Dr. Ley: Es gibt zwei Situationen, in denen
die Insulinpumpe auf jeden Fall abgelegt werden muss: Erstens sind dies große
Eingriffe, die voraussichtlich mit einem Aufenthalt auf der Intensivstation
verbunden sind und somit eine mehrmalige Korrektur des Blutzuckerspiegels erfordern.
Zum zweiten muss die Insulinpumpe abgelegt werden, wenn das Operationsfeld im
Bauchbereich liegt, wo der Katheter normalerweise platziert wird, denn die Durchblutung
im subkutanen Gewebe ist in diesem Fall verändert, und dies kann die Aufnahme
des Insulins aus dem Gewebe stören.
Das heißt, bei anderen Operationen kann die Insulinpumpe
mit auf dem OPTisch liegen?
Dr. Ley: Bei kleinen und mittleren Operationen,
außer am Bauchbereich, muss der Patient nicht auf seine Insulinpumpe verzichten.
Ich nenne einmal ein paar Beispiele für gängige Eingriffe: Notwendige Operationen
bei Arm- oder Beinbrüchen, HNO-Eingriffe, z.B. Mandel- oder Polypenentfernung,
gynäkologische Eingriffe, die vaginal durchgeführt werden, Gewebeproben, Darmspiegelungen.
Dabei spielt es keine Rolle, ob sie unter Vollnarkose, lokaler Narkose, ob sie
ambulant oder stationär durchgeführt werden. Hier ist allerdings immer von geplanten
Eingriffen die Rede.
| Insulinpumpe beim Röntgen ablegen! Insulinpumpen von Disetronic sind gegen gängige elektrostatische und elektromagnetische Einflüsse geschützt, wie sie z.B. von Mobiltelefonen ausgehen. Anders sieht es bei Röntgengeräten und Computer- und Magnetresonanztomographen aus. Deren Strahlung ist so stark, dass die korrekte Funktion der Insulinpumpe nicht mehr gewährleistet werden kann. Wenn Sie also beim Arzt oder im Krankenhaus zum Röntgen gehen oder bei einer Computertomographie (CT) in die Röhre geschoben werden, müssen Sie Ihre Pumpe vorher unbedingt ablegen. Das gleiche gilt übrigens auch für den eher seltenen Fall, dass Sie sich im direkten Umfeld von militärischen Radaranlagen bewegen. |
Gehen wir von dem Fall aus, dass die Insulinpumpe bei
der Operation nicht abgelegt wird. Wie sieht in diesem Fall der OP-Tag aus?
Dr. Ley: 6 Stunden vor der Operation muss
der Patient nüchtern sein, d.h. das Frühstück fällt in jedem Fall aus. Der Tag
beginnt mit einer Blutzuckerkontrolle, meist gegen 7.00 Uhr. Diese führen Pumpenträger
ja meist wie gewohnt selbst durch. Dazu ein Tipp: Das Pflegepersonal hat bei
Diabetikern eine Überwachungspflicht, muss also regelmäßig (in der Regel am
OP-Tag alle 2 Stunden) eine Blutzuckermessung durchführen und die Ergebnisse
dokumentieren. Wenn Sie es also einrichten können, dass die Krankenschwester
bei der Selbstkontrolle anwesend ist, ersparen Sie sich nicht nur die zweite
Messung, Sie entlasten auch die Schwester und können ihr bei dieser Gelegenheit
das Messgerät zeigen.
Danach wird die Basalrate um 50 % gesenkt, um Hypoglykämien zu vermeiden. Auch
hier muss das Pflegepersonal anwesend sein. Wichtig ist, dass die Basalrate
gesenkt wird, bevor das bei einer Operation übliche Beruhigungsmittel als Tablette
oder in die Vene gegeben wird. Danach stellt sich nämlich oftmals eine Benommenheit
ein.
Während der Operation werden regelmäßig Blutzuckerkontrollen durchgeführt. Wurden
früher etwas höhere Werte in Kauf genommen, um Hypoglykämien zu vermeiden, achtet
man heute auf normnahe Werte zwischen 100 und 160 mg/dl (5,6 und 8,9 mmol/l),
da so die Wundheilung verbessert wird. Ist der Patient bei der Operation nur
lokal narkotisiert, kann er die Blutzuckerwerte mit verfolgen. Während der Operation
läuft die Insulinpumpe weiter auf einer Basalrate von 50%, zusätzliche Insulin-Glukose-Kalium-
Infusionen werden in der Regel nicht gegeben.
Wann kann die Basalrate wieder auf 100 % hoch gesetzt
werden?
Dr. Ley: Der Narkosearzt vermerkt in der
Akte, wann der Patient zum ersten Mal wieder essen und trinken darf. Mit der
Nahrungsaufnahme wird auch die Basalrate wieder hoch gesetzt. Aber Vorsicht:
Einige Patienten erbrechen nach der Narkose, wenn sie zum ersten Mal Nahrung
zu sich nehmen. Deshalb den Bolus ausnahmsweise nach dem Essen geben, wenn man
das Gefühl hat, dass die Mahlzeit den Magen nicht wieder in die falsche Richtung
verlässt.
Was passiert, wenn die Insulinpumpe tatsächlich abgelegt
werden muss?
Dr. Ley: In diesem Fall sorgt während der
Operation eine morgendliche Injektion eines Verzögerungsinsulins oder eine Infusion
für die Regelung des Blutzuckerspiegels, der einer laufenden Kontrolle unterliegt.
Nach dem Aufwachen kann die Insulinpumpe nach Absprache mit dem Arzt wieder
angelegt werden, das hängt aber auch davon ab, wie der Patient sich fühlt. Mit
dem Anlegen der Insulinpumpe nimmt der Patient ja seine Insulinversorgung ein
Stück weit wieder selbst in die Hand, und dazu fühlt sich gerade nach einer
schweren Operation nicht jeder in der Lage.
Wir haben gerade gehört, dass man die Insulinpumpe bei
einer Operation meist nicht ablegen muss. Doch wie überzeugt man den Arzt davon,
der anderer Meinung ist?
Dr. Ley: Das Thema »Insulinpumpe ja oder
nein« sollte man – wenn möglich – rechtzeitig ansprechen, und zwar in Gesprächen
mit dem Chirurgen und dem Narkosearzt. Pumpenträger sollten die Insulinpumpe
zeigen, sie erklären, und vor allem deutlich machen, dass sie sehr gut geschulte
Diabetiker sind, die ihren Diabetes mit Hilfe der Insulinpumpe im Alltag im
Griff haben. Das ist bei den Diabetikern, die der Arzt sonst sieht, nicht immer
selbstverständlich. Man muss auch die Situation des Arztes verstehen: Für ihn
ist die Pumpe zunächst einmal ein Unsicherheitsfaktor bei der Operation. Und
letztendlich liegt die Entscheidung für die Insulinpumpe in seiner Verantwortung.
Viele Ärzte lassen sich überzeugen, wenn sie die Insulinpumpe erst einmal aus
der Nähe gesehen haben.
Welche Tipps haben Sie noch für Insulinpumpenträger?
Dr. Ley: Insulinpumpenträger haben viel
Erfahrung bei der Behandlung ihres Diabetes, und darauf sollten sie auch im
Krankenhaus vertrauen. Lassen Sie sich nicht verunsichern, laufen Sie aber
auch nicht mit dem Kopf durch die Wand. Beziehen Sie unbedingt den Arzt
und das Pflegepersonal bei allem, was Sie in Bezug auf Ihre Diabetestherapie
selbst tun, mit ein, denn diese tragen die Verantwortung für Ihre Gesundheit,
solange Sie im Krankenhaus sind.
Herr Dr. Ley, wir danken Ihnen für dieses interessante Gespräch.
Dieses Interview wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von:
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