
Patienten mit Diabetes mellitus bedürfen perioperativ (= um die Operation herum) einer besonderen Beachtung und Betreuung durch das medizinische Personal. Ärzte und Pflegepersonal müssen die zu beachtenden Besonderheiten kennen und berücksichtigen.
In diesem Beitrag beschränke ich mich auf die Besonderheiten in Bezug auf die Insulinpumpenbehandlung. Die Patienten mit dieser Therapieform sind in der Regel besonders gut geschult, haben ihren Glucosestoffwechsel meist gut unter Kontrolle und können auch auf außergewöhnliche Situationen selbständig sinnvoll reagieren. Aufgrund eigener bzw. fremder schlechter Erfahrungen mit der Diabetestherapie in medizinischen Einrichtungen, wollen sie die Pumpentherapie auch während Operationen beibehalten. Meist sind ihnen aber die Gesamtstoffwechselveränderungen im Zusammenhang mit einer Operation, die zu massiven Hypo- oder Hyperglykämien führen können, nicht bekannt.
Auch bei Stoffwechselgesunden kommt es durch den perioperativen Stress
zu hormonell und nervös (vegetatives Nervensystem) bedingten Veränderungen,
die einen erhöhten Insulinbedarf bedingen. Bei längerer (einige Tage) Nahrungskarenz
sinkt der Insulinbedarf, so dass sich die notwendige Basalinsulinmenge u.U.
um ca 20% bis 30% reduziert. Weiterhin ist zu Bedenken, dass bedingt durch
Regulationsstörungen die Makro- und Mikrozirkulation verändert ist und eine
periphere Mangeldurchblutung entstehen kann. Diese Veränderungen sind in
ihrer Auswirkung auf den Stoffwechsel des Diabetikers immer unterschiedlich
und nicht im Voraus zu berechnen. Beim Stoffwechselgesunden reguliert der
Körper das selbst, so dass eine Blutzuckerentgleisung nicht entsteht.
Bei Diabetikern ist es vor allem wichtig, perioperativ Hypoglykämien zu
vermeiden. Intraoperativ (= während der Operation) ist ein Blutzuckerbereich
von 110 mg/dl - 180 mg/dl (6,0 mmol/l - 10,0 mmol/l) anzustreben. Während
der gesamten Operations- bzw. Narkosephase muß der Blutzucker etwa alle
30 Minuten kontrolliert werden, um kurzfristig reagieren zu können.
Bei länger dauernden Eingriffen und grundsätzlich bei Vollnarkose wird die
Steuerung des Blutzuckers mittels der Insulinpumpe meist abgelehnt. Dafür
gibt es aus der Sicht der Ärzte -neben den oben angeführten Punkten- noch
folgende Gründe:
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Diese Unwägbarkeiten können mit einem Insulinperfusor und einer Glucoseinfusion
sicher vermieden werden. Das Insulin und die Glucose werden dabei direkt in
die Blutbahn verabreicht, so dass das subcutane Fettgewebe umgangen wird. Wenn
diese Vorgehensweise zusätzlich zur der Basalrate der Insulinpumpe notwendig
wird, ist es für den Arzt viel einfacher und für den Patienten sicherer, den
Glucosestoffwechsel von Anfang an mit der dem Arzt vertrauten und besser kontrollierbaren
Methode zu steuern.
Auch in einer Klinik mit anerkannter Diabeteseinrichtung kann man vom OP-Personal
nicht erwarten, dass es sich in der Handhabung der unterschiedlichen Insulinpumpen
auskennt und diese korrekt bedienen kann.
Bei größeren Operationen wird das Weiterlaufen lassen der Insulinpumpe nur
möglich sein, wenn ein darin erfahrener Diabetologe bzw. Diabetesberater für
die gesamte Dauer der Operation und in der Aufwachphase unmittelbar zugegen
ist. Das bedeutet, es ist nur an Kliniken mit entsprechender Diabeteseinrichtung
durchführbar, wenn eine solche Fachkraft für 8 - 12 Stunden aus dem normalen
Arbeitsablauf heraus kann. In dem einzigen Fall, der mir persönlich bekannt
ist, wurde in den drei Tagen vor der Operation die Basalrate der Insulinpumpe
kontrolliert und optimiert. Auch das ist heute in vielen Fällen aus Zeitgründen
(kurze Verweildauer im Krankenhaus) nicht möglich. Eine in der Pumpentherapie
sehr erfahrene Diabetesberaterin war während der gesamten Operations- bzw. Narkosedauer
anwesend. Die so durchgeführte Maßnahme war aber auch für diese Klinik nur ein
besonderer Ausnahmefall. Das ist sicher i.d.R. aus personellen und/oder finanziellen
Gründen nicht möglich.
Wenn nach einer größeren Operation noch für einige Tage die Ernährung über Infusionen
laufen muss, ist es i.d.R. einfacher den Blutzucker über einen Insulinperfusor
zu steuern, als mit der Insulinpumpe des Patienten. Sobald wieder feste Nahrung
aufgenommen wird, kann der gut geschulte Diabetiker i.d.R. auch seinen Blutzucker
wieder selbstverantwortlich regeln. Von dem Patienten muß aber Verständnis dafür
erwartet werden, dass das Klinikpersonal die Stoffwechselführung mit überwacht
und ggf. regulierend eingreift. Das ist auch aus haftungsrechtlichen Gründen
erforderlich.
Bei Operationen, die maximal eine Stunde dauern ist es ggf. nach frühzeitiger
Absprache mit allen Beteiligten möglich die Insulinpumpentherapie fortzuführen.
Idealerweise wir dabei eine Regional- oder Epiduralanästhesie durchgeführt.
Meine nicht repräsentative Umfrage in etwa fünfundzwanzig deutschen Krankenhäusern unterschiedlicher Größe hat ergeben, dass es häufig möglich ist bei einer Operation von maximal einer Stunde Dauer die Insulinpumpe laufen zu lassen. Bei einer notwendigen Vollnarkose gibt es dabei aber schon sehr oft Einschränkungen. Bei längerer Operationsdauer bzw. großen Operationen wird der gesamte Stoffwechsel vom Anästhesisten mit Infusionen und Insulinperfusor gesteuert, meist bis wieder die normale Nahrungsaufnahme beginnt.
Egon Manhold im Januar 2003Das Interview mit Herrn Dr. Ley zu diesem Thema ist hier auch zu empfehlen.
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