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Diabetes und Sport

Ein Triathlon-Tag mit 96 BE, 5500 kcal und 25 I.E. Insulin

Teil II: Wettkampftag

Der Wettkampftag: Wettkampfverlauf, Blutzucker-Profil und Verpflegung

4.00 Uhr
BZ = 132, Spritzen von 5 I.E. Humalog und 2 I.E. Basal,
Frühstück: 1 Brötchen und 1 Scheibe Mischbrot mit Quark und Diätmarmelade (6 BE). Ich verzichte auf Vollkornbrötchen/-brot mit einem hohen Ballaststoffgehalt, um die Darmtätigkeit zu minimieren.
6.45 Uhr
Bei meiner unmittelbaren Wettkampfvorbereitung messe ich einen BZ von 68. Diesen niedrigen Wert erkläre ich mir mit einer falschen Einschätzung des BE-Gehalts des Frühstücks, da ich keine Diätwaage mitgenommen hatte. Ich esse deshalb einen H5-Riegel (= 4,3 BE) und spritze 2 I.E. Basal
7.15 Uhr
Unmittelbar vor dem Schwimmen nehme ich noch einen Beutel Squeezy-Gel (= 1,4 BE) zu mir.
07.20 Uhr
Schwimmstart
8.20 Uhr
Nach einer Stunde Schwimmen nehme ich wie geplant einen Beutel Squeezy-Gel (= 1,4 BE) zu mir.
8.56 Uhr
Nach 1:36:14 Stunden Schwimmen im Rhein-Main-Donau-Kanal entsteige ich endlich dem Wasser. Ich habe zwar 7 Minuten länger gebraucht als vor zwei Jahren, trotzdem bin ich ganz zufrieden, denn ein Schlüsselbeinbruch im letzten Jahr mit zwei Operationen hat seine Spuren hinterlassen, und der Trainingsaufbau beim Schwimmen war - rückblickend betrachtet - auch nicht ganz optimal gewesen. Eine durchschnittliche Herzfrequenz von 144 signalisiert auch, daß ich nicht zu sehr gepowert habe. In der Wechselzone lasse ich keine Hektik aufkommen, so daß 6:30 Minuten vergehen, bis ich endlich aufs Rad steige.
9.02 - 14.57 Uhr
Während des Radfahrens vertilge ich insgesamt drei H5-Energieriegel (= 13 BE) und leere vier Radflaschen mit H5-Pulver (= 13 BE). Zwei Radflaschen habe ich beim Start dabei, weitere lasse ich mir nach der ersten 90-km-Radrunde von Vereinskameraden reichen. Um einer Dehydration vorzubeugen, trinke ich außerdem zusätzlich ca. drei Liter Wasser. Kalkuliert hatte ich eine Fahrtzeit von 6 Stunden, d.h. einen Schnitt von 30 km/h. Die Herzfrequenz sollte möglichst nicht über 150 steigen. Doch anfangs kann ich mich selbst noch nicht richtig disziplinieren. Nach der ersten Runde von 90 km habe ich einen Schnitt von 31,4 km/h. Die zweite Runde fahre ich etwas ruhiger und brauche so insgesamt 5:54:54 Stunden (= 30,4 km/h). Damit bin ich 12 Minuten schneller als 1995. Mit einer durchschnittlichen Herzfrequenz von 145 habe ich wohl doch einen optimalen Belastungsbereich getroffen.
15.04 Uhr
Ankunft in der Wechselzone Radfahren/Laufen. Ich messe einen BZ von 263. Wie geplant spritze ich 2 I.E. Basal und zur Korrektur des zu hohen BZ-Wertes 4 I.E. Humalog. Bei dem BZ-Wert von 263 habe ich einfach angenommen, daß sich auch Aceton nachweisen lassen würde, und deshalb 1 I.E. pro 30 mg/dl zur Korrektur kalkuliert. Auf eine Prüfung, ob wirklich Aceton vorhanden ist, habe ich verzichtet, um nicht noch mehr Zeit durch einen Gang zur Toilette einzubüssen. Bevor ich mich auf die Marathonstrecke begebe, lasse ich mir im Wechselzelt von einer Helferin noch eine Spritze und eine Ampulle Humalog ins Lauftrikot stecken. Von der Ankunft in der Wechselzone bis zu den ersten Schritten auf die Laufstrecke sind 6:41 Minuten vergangen - ohne BZ-Kontrolle hätte es sicherlich höchstens halb so lange gedauert.
15.02 - 16.30 Uhr
Den Marathon will ich auf jeden Fall unter 4 Stunden laufen, vielleicht geht´s ja sogar deutlich in Richtung 3:30 Stunden. Aber zunächst gilt es, den Rhythmus zu finden. Mit einem Tempo von 5:15 bis 5:20 min/km auf den ersten 10 km komme ich ganz gut ins Rollen, und die Herzfrequenz pendelt um 155, also schön im grünen Bereich. Doch bei km 14 kommt der Hammer, als mich plötzlich Krämpfe gleichzeitig in beiden Oberschenkelrückseiten erwischen. Dehnungsübungen und Schüttelungen beseitigen sie zwar, aber ich verliere viel Zeit. Unter Einrechnung dieser Zwangspause habe ich 6 min/km für den Abschnitt von km 10 bis km 15 gebraucht. Auf der Laufstrecke trinke ich zunächst nur Wasser, um das gespritzte Insulin zur Wirkung kommen zu lassen. Erst zwischen km 10 und 15 trinke ich alle 2,5 km jeweils 0,11 l Cola (insgesamt 0,3 l = 3 BE).
16.33 Uhr
Bei km 16 steuere ich zum ersten Mal ein DRK-Zelt an, um meinen BZ messen zu lassen. BZ = 63 ist das Ergebnis. Ich frage die Helfer, ob sie Traubenzucker haben, denn ich will meine zwei Beutel Squeezy-Gel zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht angreifen. Sie verweisen mich auf ein zweites, ca. 50 m entfernt stehendes Behandlungszelt. Dort gibt es nur Würfelzucker für den Kaffee, aber ich greife mit einer Hand voll zu. Dieser "Boxen"-Stopp hat wieder viel Zeit gekostet. Von km 15 bis 20 liegt mein Tempo dadurch bei deutlich über 6min/km.
16.35 - 17.30 Uhr
Bei dem eben gemessenen niedrigen BZ erhöhe ich meinen Cola-Konsum an den nächsten Verpflegungsstationen auf 0,2 l alle 2,5 km. Außerdem achte ich darauf, daß ich Cola pur bekomme und nicht mit Wasser verdünnte Cola. Insgesamt komme ich so auf ca. 0,8 l Cola (= 8 BE). Trotzdem läuft es jetzt nicht mehr so gut. Ich habe einen Durchhänger, bis km 25 brauche ich genau 6 min/km.
17:35 Uhr
Bei km 26 steuere ich die nächste DRK-Station an. Es ist nur eine optische Ablesung statt einer elektronischen Messung möglich. Mein BZ liegt bei ca. 50! Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, laufe ich nicht zu der vor 100 m passierten Verpflegungsstation zurück, sondern greife zu einem Beutel Squeezy-Gel (= 1,4 BE)
17.35 - 19.00 Uhr
Die letzte BZ-Kontrolle drückt das Durchschnittstempo erneut in den Keller. Von km 25 bis km 30 sind es wieder deutlich über 6 min/km. Danach geht es aber allmählich besser. Ab km 35 scheine ich einen "zweiten Wind" zu bekommen. Ich kann das Tempo deutlich anziehen und bin mit einem Tempo von 5:20 bis 5:25 min/km bis zum Zieleinlauf fast wieder so schnell wie auf den ersten 10km. Auf dem Rest der Laufstrecke trinke ich weiterhin alle 2,5 km jeweils 0,2 l Cola, d.h. insgesamt 1,2 l (= 12 BE). Ich verzichte auf eine weitere BZ-Kontrolle bei km 38, weil ich annehme, daß der erhöhte Cola-Konsum den BZ ausreichend stabilisiert.
19.11 Uhr
Zieleinlauf nach 11:51:15 Stunden. Ich nehme die Medaille und das Finisher-T-Shirt in Empfang und begebe mich sofort zur DRK-Station. Dort wird - wieder elektronisch - ein Wert von 65 gemessen. Nicht nur wegen dieses niedrigen Werts und einem zu erwartenden weiteren Abfall als "Nachverbrennungs-Effekt", sondern weil ich auch Appetit auf feste Nahrung habe, lange ich kräftig zu: 0,2 l Cola (= 2 BE), zwei Brötchen mit Käse (= 8 BE) und zwei Stückchen Kuchen mit raffiniertem Zucker (= ca. 6 BE).
21.00 Uhr
Um sicherzugehen, ob sich der BZ stabilisiert hat, messe ich selbst mit meinem eigenen Gerät, das ich beim Start in den Kleiderbeutel gepackt hatte. Überraschenderweise fällt der BZ-Wert mit 62 weiterhin sehr niedrig aus. Ich lege nochmals Kohlenhydrate nach: erneut zwei Brötchen mit Käse (= 8 BE) und zwei Stückchen Kuchen mit raffiniertem Zucker (= ca. 6 BE).
24.00 Uhr
Das Relaxen nach dem Zieleinlauf, der erste Erfahrungsaustausch mit Vereinskameraden, das Duschen und Umziehen und die Rückfahrt zu unserer Ferienwohnung haben lange gedauert. Vor dem Zubettgehen liegt der BZ bei 484! Ich spritze 12 I.E. Humalog zur Korrektur sowie 12 I.E. Basal für die Nachtzeit. Auf eine Spätmahlzeit verzichte ich, weil ich mich abgefüllt fühle und bei dem hohen BZ-Wert sicherlich keine weiteren BE erforderlich sind.
Montag, 14. Juli, 8.00 Uhr
Morgens nüchtern liegt der BZ bei 148, also annähernd wieder im Normalbereich.

Fazit und Auswertung

Mit dem Rennverlauf und dem Ergebnis bin ich hochzufrieden. 11:51:15 Stunden - 1:36:14 Std. für das Schwimmen, 6:08:05 Std. für das Radfahren einschließlich zwei Wechselzeiten (Netto-Radzeit = 5:54:54 Std.) und 4:06:56 Std. für das Laufen bedeuten Platz 1519 bei 2700 TeilnehmerInnen. Durch die BZ-Kontrollen habe ich bestimmt eine Viertelstunde Zeit verloren. Dies abgerechnet, eine deutliche Verbesserung beim Schwimmen und eine weitere Leistungssteigerung beim Laufen, müßte im nächsten Jahr eine Zeit unter 11:30 Stunden möglich sein. Und wieder dabeisein will ich auf jeden Fall.

Die Besprechung des BZ-Profils und der Ernährung mit meinem Arzt hat mich zu folgenden Schlußfolgen geführt:

Extremsport - nichts für Diabetiker? Doch, kann ich nur nochmals betonen.

Teil I: "Vorbereitung"
G. Sch.

(c) Dieser Text ist durch das Urheberrecht geschützt

Ulrike Thurm, Chef-Redakteurin des "Mellitus-Lauf" stellte uns diesen Artikel der Ausgabe März '98 freundlicherweise zur Verfügung