Deine Stimme gegen Armut
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Diabetes und Sport

Ein Triathlon-Tag mit 96 BE, 5500 kcal und 25 I.E. Insulin

Teil I: Vorbereitung

Ironman-Triathlon über 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 41,195 km Laufen. Extremsport - nichts für DiabetikerInnen? Doch, kann ich nach 12 Jahren Leben mit Diabetes Typ 1 und meinem zweiten Ironman nur sagen. 1985, nach der Feststellung des Diabetes, hatte ich mit Ausdauersport angefangen, 1986 meinen ersten Marathonlauf bewältigt und in den folgenden Jahren die Wettkampfdistanzen bis zu Ultramarathonläufen (100 km) und mehrtägigen Etappenläufen gesteigert. Von 1991 bis 1994 kam dann Triathlon über die Kurzdistanz hinzu.
1995 war mein Debüt beim Quelle Ironman in Roth. Eine Hitzeschlacht über 35 Grad. Aber ich kam durch nach 11:48:21 Stunden (1:29:22 Std. Schwimmen, 6:16:58 Std. Radfahren und 4:02:01 Std. Laufen). Damals, noch auf eine konventionelle Insulintherapie eingestellt, hatte mich bei km 36 auf der Laufstrecke eine Unterzuckerung erwischt. Ich hatte mich auf Coca Cola als Verpflegung verlassen. Als es nach der Hälfte der Marathondistanz keine Cola mehr gab, reichte das stark verdünnte Mineralstoff-Kohlenhydrat-Getränk, zu dem ich als Alternative griff, nicht mehr aus. Nur durch eine längere Gehpause und einen selbst als Notreserve mitgeführten Energieriegel konnte ich mich bis zur nächsten Verpflegungsstation retten, wo ich alles mögliche an Kohlenhydraten in mich hineinstopfte bzw. -schüttete. Im Ziel wurde auf der Sanitätsstation dann ein BZ von 88 gemessen.
Nach einem Jahr Pause dann 1997 eine Neuauflage. Doch von meinen 1995er Erfahrungen konnte ich nur bedingt zehren. Im Januar 1997, schon mitten im Grundtraining, habe ich mich auf die intensivierte Insulintherapie umstellen lassen. Zuerst Versuche mit Velasulin und Insulatard sowie 4x Spritzen am Tag bei 6 Mahlzeiten und 28 BE. Doch ein optimales Tagesverlaufsprofil war nicht zu erzielen. Dann Umstellung auf Humalog 100 und Basal (NPH) 100, mit 5x Spritzen pro Tag. Nach 6 Wochen Experimentierens haben mein Arzt und ich endlich die genaue Dosierung und Verteilung erreicht. Kompliziert war die Neueinstellung schon bei meinem umfangreichen, hinsichtlich Dauer und Intensität, täglich wechselnden Training. Ein Problem blieb auch meine verminderte Unterzuckerungswahrnehmung, die mir schon in der Vergangenheit einige Male Probleme bereitet hatte. Bei BZ-Werten von 40-50 fühlte ich mich pudelwohl und merkte nichts von einer Hypoglykämie.
Mein Trainingsaufbau von Oktober 1996 bis Juni 1997 umfaßte pro Woche durchschnittlich 19 Stunden Training, davon rund 7 Stunden Laufen, 9 Stunden Radfahren und 3 Stunden Schwimmen, aufgeteilt auf 10 bis 12 Trainingseinheiten. Begünstigt durch meine berufliche Flexibilität konnte ich die Trainingseinheiten frühmorgens, vormittags, am frühen oder am späten Nachmittag oder abends machen. Dementsprechend unterschiedlich war die zu praktizierende Insulintherapie.

Probleme gab es in der weiteren Vorbereitungszeit trotzdem:
Kampf um die Pfunde

Im Januar/Februar 1997, während der Umstellung auf die intensivierte Insulintherapie, bei der ich die Mahlzeiten auf jedes Gramm Kohlenhydrate genau berechnet bzw. abgewogen hatte und mich gleichzeitig in der Vorbereitung auf einen Frühjahrsmarathon befand (2:56:10 Std. als Endzeit in Steinfurt Mitte März), habe ich 4 kg abgenommen. Der Tiefstand von 68 kg bei einer Körpergröße von 1,86 m widersprach nicht nur meinem Wohlfühlgewicht. Er erschien mir auch im Hinblick auf die für die folgenden Monate geplante Steigerung des Trainingsumfangs problematisch, und mit einem Körperfettanteil deutlich unter 10 % bewegte ich mich in Richtung eines kritischen Grenzwertes. Ich mußte mich also im umgekehrten Sinne "Gewicht machen", d.h. zunehmen. Bei meiner ovo-lacto-vegetarischen Vollwerternährung kein leicht zu realisierendes Vorhaben, denn der hohe Ballaststoffanteil bedeutete ein immenses Volumen. Schon zum damaligen Zeitpunkt nahm ich täglich ca. 3500 bis 4000 kcal auf, orientiert an einer sportgerechten Ernährung aufgeteilt auf 55 % Kohlenhydrate, 20 bis 30 % Fett und 15 bis 20 % Eiweiß. Ich wechselte deshalb von Magermilchprodukten (Quark, Joghurt, Käse) zu Sahneprodukten, erhöhte z.T. einzelne Mahlzeiten um jeweils eine BE und griff bei weiteren Zwischenmahlzeiten zu Studentenfutter und Schokolade. Den negativen Nebeneffekt, daß sich meine Nährstoffrelation zu Lasten der Kohlenhydrate verschob, mußte ich dabei in Kauf nehmen. Mit mindestens 4500 kcal täglich kam ich nach vier Monaten schließlich auf immerhin 70 kg, zum Zeitpunkt des Ironman Anfang Juli. Doch der BZ entwickelte sich nicht optimal. Die anfänglichen HbA1c-Werte von 6,4 waren zufriedenstellend, Werte von über 7 im Mai/Juni dagegen nicht mehr tolerabel. Abhilfe schaffte dann erst eine leichte Erhöhung der Insulindosen.

Probleme bei überlangen Trainingseinheiten

Zweites Hauptproblem war, daß ich bei extrem langen Trainingseinheiten (Radtraining bis zu fünf Stunden) das mittägliche Insulinspritzen ausfallen ließ, weil mir das Mitführen von Spritze und Insulin lästig war. Die morgens gespritzte Dosis Basal reichte dann aber in der Regel nicht so aus, so daß ich am Ende solch langer Trainingseinheiten zu hohe BZ-Werte hatte. Diese habe ich aber in Kauf genommen, weil sie höchstens 1- bis 2mal in der Woche vorkamen. Aber auch sie werden zu den zu hohen HbA1c-Werten beigetragen haben. Trotzdem werde ich in Zukunft erwägen müssen, bei solchen Trainingseinheiten unterwegs Basal zu spritzen.

Planung zur Insulintherapie und Ernährung während des Wettkampfs

Die Umstellung auf die neue Form der Insulintherapie forderte detaillierte Überlegungen zur Insulindosierung und zur Ernährung am Wettkampftag bzw. speziell während des Wettkampfverlaufs. Was mußte ich im einzelnen berücksichtigen? Welche konkreten Verhaltensweisen habe ich mit meinem Arzt abgesprochen?

  1. Bei längeren Schwimm-Trainingseinheiten (über 2,5 km) hatte ich schon einen starken BZ-Abfall messen können (Abfall um über 100 mg/dl innerhalb einer Stunde - Ich legte es im Training deshalb darauf an, mit BZ-Werten über 200 zu starten oder unmittelbar vor Trainingsbeginn einige Zusatz-BE zu mir zu nehmen). Bei einer kalkulierten Schwimmzeit von mindestens 1:30 Stunden für die 3,8 km (Schwimmen ist meine absolute Schwachdisziplin) entschieden wir uns, daß ich auf jeden Fall während des Schwimmens Kohlenhydrate zu mir nehmen muß. Bei dem über dreistündigen Abstand zwischen Frühstück und dem Schwimmen erschien auch eine zusätzliche Portion Kohlenhydrate unmittelbar vor dem Schwimmen sinnvoll.
  2. Meine Startgruppe sollte um 7.20 Uhr gestartet werden. Frühstücken mußte ich schon um 4.00 Uhr. Das dabei gespritzte Basal-Insulin würde aber nie und nimmer bis zum Wettkampfende (geschätzt auf ca. 19.00 bis 19.30 Uhr) ausreichen. Von daher drohte nicht in erster Linie eine Unterzuckerung, sondern es bestand wegen eines möglichen absoluten Insulinmangels eher die Gefahr zu hoher BZ-Werte verbunden mit einer Ketoazidose. Im Hinblick auf den Wettkampf würde dies einen deutlichen Leistungsabfall bedingen, denn bei einem absoluten Insulinmangel erfolgt die Energiebereitstellung ausschließlich durch Fettverbrennung. Und jeder Ausdauersportler weiß selbst, daß dies zu einer deutlichen Reduktion des Wettkampftempos führt - bedingt dadurch, daß der Sauerstoffbedarf ansteigt, die Sauerstoffaufnahme aber nicht gesteigert werden kann. Als Lösung dieses Problems kamen wir überein, eventuell noch kurz vor dem Schwimmstart Basal nachzuspritzen, spätestens aber nach dem Radfahren, d.h. ca. gegen 15.00 Uhr bei einer geschätzten Schwimmzeit von 1:30 Stunden und einer angepeilten Radzeit von 6 Stunden (bzw. einem Tempo von 30 km/h). Für den Fall, daß zu diesem Zeitpunkt der BZ-Wert zu hoch sein sollte, war das Spritzen von Humalog zur Korrektur vorgesehen. Für dieses BZ-Messen bzw. Insulin-Spritzen mußte ich Vorsorge treffen und beim Rad-Check-In einen Tag vor dem Wettkampf schon die entsprechenden Utensilien in den Wechselbeutel tun. Denn die Utensilien wollte ich nicht als Ballast beim Radfahren bis zur Wechselzone selbst transportieren.
  3. Um sicherzugehen, daß ich während des Marathons nicht in eine Unterzuckerung laufe, entschied ich mich dafür, an den DRK-Stationen meinen BZ kontrollieren zu lassen. Über die bestehenden Möglichkeiten habe ich mich rechtzeitig vorher erkundigt. Für den Fall erhöhter BZ-Werte wollte ich im Lauftrikot eine Spritze und Humalog-Insulin mitführen, als Notreserve für eine Unterzuckerung Kohlenhydrat-Gel (Squeezy). Die Squeezy-Beutel steckte ich schon vor dem Schwimmstart in die Taschen des Tops, das ich beim Schwimmen unter dem Neoprenanzug anhabe und auch beim Radfahren und Laufen anbehalten will.
  4. Eine Distanz von 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195 km Laufen, für die ich eine Zeit von 11:30 bis 12:00 Stunden kalkulierte, läßt sich nicht ohne Nahrungsaufnahme bewältigen - von Diabetikern schon gar nicht. Zur Berechnung meines Kalorienbedarfs habe ich mich an dem Artikel "Richtig essen - richtig fit" im Mellitus-Lauf 1/1993 orientiert. Unter Zugrundelegung meines Körpergewichts von 70 kg und geschätzten Wettkampfzeiten von 1:35 Stunden für das Schwimmen, 6 Stunden für das Radfahren und 3:45 Stunden für den Marathon bin ich von folgendem Energieverbrauch während des Wettkampfs ausgegangen:
    Schwimmen:95 Min. x 11,6 kcal/Min. = 1100 kcal
    Radfahren:360 Min. x 15,0 kcal/Min. = 5400 kcal
    Laufen:225 Min. x 11,7 kcal/Min. = 2600 kcal
    Energieverbrauch insgesamt: = 9100 kcal
    Bei einer durchschnittlichen Belastungsintensität von 75 % VO2max bzw. HFmax mußte ich von dem Gesamtenergieverbrauch rund 75 % durch Kohlenhydrate bereitstellen, d.h. ca. 6850 kcal. Als gespeichertes Muskelglykogen konnte ich ca. 2000 kcal veranschlagen, so daß am Wettkampftag etwa 4850 kcal in Form von Kohlenhydraten aufzunehmen waren. Zusätzlich zum Frühstück und zur unmittelbaren Vor-Wettkampf-Verpflegung bedeutete dies:
    beim Schwimmen:
    Kohlenhydrat-Gel (Squeezy)
    beim Radfahren:
    flüssige Kohlenhydrate (H5-Pulver) in den Radflaschen und feste Kohlenhydrate (H5-Energieriegel)
    beim Laufen
    Coca Cola an den Verpflegungsstationen

Teil II "Der Wettkampftag"
G. Sch.

(c) Dieser Text ist durch das Urheberrecht geschützt

Ulrike Thurm, Chef-Redakteurin des "Mellitus-Lauf" stellte uns diesen Artikel der Ausgabe November '97 freundlicherweise zur Verfügung