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Bedarfsgerechte Insulin-Therapie bei freier Kost

Als ich diesen Titel zum ersten Mal las, dachte ich erst : Wieder neue Erkenntnisse zur ICT vom Autor Prof.Dr. Michael Berger?

Doch zu meiner Überraschung las ich ganz etwas anderes. Da schreibt der Direktor der Klinik für Stoffwechselkrankheiten und Ernährung der Heinrich Heine Universität Düsseldorf, Professor Dr.med Michel Berger, über einen seiner altvorderen Medizinerkollegen Karl Stolte, der schon 1951 gestorben ist.

Professor Dr. Karl Stolte , 1881 - 1951 Der Beitrag von Karl Stolte zur klinischen Diabetologie soll uns in diesem Buch näher gebracht werden. Aber wer um alles in der Welt war das? Das alte schwarz-weiß Foto (hier links zu sehen) deutet uns schon auf dem Umschalg an, daß wir hier tief die die Geschichte eindringen werden.

Als ein Beispiel für die Aussagekraft historischer Darstellung der jüngsten Medizin-Geschichte wird in diesem Buch die Auseinandersetzung um die zwischen 1927 und 1951 von Professor Karl Stolte (1881 - 1951) entwickelte und propagierte Bedarfsgerechte Insulin-Therapie bei freier Kost in der Therapie des Typ - 1 - Diabetes mellitus beschrieben.

Stolte hat mit seinen Mitarbeitern an der Universitäts-Kinderklinik in Breslau und später in Greifswald und Rostock mit der Entwicklung der Bedarfsgerechten Insulin-Therapie bei freier Kost Fakten erkannt und Therapieziele formuliert, die im krassen Gegensatz zu der noch Jahrzehnte nach seinem Tod vorherrschenden diabetologischen Lehrmeinung standen. Die von ihm 1929 propagierte Behandlung des Typ 1 Diabetes stellt den Prototyp der heute als Standardtherapie eingeführten intensivierten Insulin Therapie (ICT) dar.


In seinem Lebenslauf, der im Original Sütterlin nachzulesen ist, steht sehr anschaulich wie er in sehr behüteten Verhältnissen als Sohn eines Gewerbelehrers in Straßburg aufgewachsen ist. Nach seinem Abitur, dem Medizinstudium und der Militärzeit bis 1906 lernte er auch Albert Schweizer kennen, dem er zeitlebens verbunden bleiben sollte.

1909 folgte Stolte dem Ruf an die Breslauer Universitäts-Kinderklinik und wurde zum Pädiater (Kinderarzt) ausgebildet. Später welchselte er häufiger zwischen Straßburg und Berlin bis er 1915 als Kompaniearzt an die Westfront eingezogen wurde.

1916 erfolgt die Berufung als Extraordinarius an die Universitäts-Kinderklinik Breslau wo er 1920 die Ernennung zum Ordinarius (Inhaber eines Lehrstuhls an der Universität) für Kinderheilkunde annahm. Sieben Jahre nach der Endeckung des Insulin entwickelte Stolte dann in Breslau seine Bedarfsgerechte Insulin-Therapie bei freier Kost

Stolte hat mit seinem Behandlungskonzept bei jugendlichem Diabetes mellitus die Entwicklung der heute weltweit praktizierten Intensivierten Insulintherapie um fast 50 Jahre vorweggenommen. Seine diabetologischen Zeitgenossen waren nicht willens oder fähig, dies (an) zu erkennen. Aufgrund der politischen Verhältnisse und des massiven Widerstandes der diabetologischen Meinungsbildner in Deutschland konnte sich Stoltes Konzept nicht durchsetzen.

Soweit sollten die Zitate aus der Einleitung neugierig machen dieses Buch zu lesen.
Es folgt auf 30 Seiten die Darstellung der Bedarfsgerechten Insulin-Therapie bei freier Kost in Originalschriften und Manuskripten Karl Stoltes. Auch dem Einfluß seiner Bemühungen auf die Entwicklung der klinischen Diabetologie in Deutschland sind weitere 12 Seiten gewidmet.

Richtig spannend, traurig und erheiternd ist der Anhang zu lesen. Er besteht aus Aufzeichnungen Stoltes die er betitelte: Erlebte Medizin

Das Buch ist nichts für zarte Naturen, die hier aktuelle, neue Erkenntnisse erwarten.

Wer aber auch mal ein wenig Geschichte zur Insulintherapie hautnah und eindruckvoll erleben will, ist sicher nicht enttäuscht von diesem Buch, sondern eher von seinem Arzt, der das vor 20 oder 30 Jahren schon hätte wissen sollen.

Der Autor stellt hier in bedeindruckender Art und Weise dar, wie sich die intensivierte Insulintherapie viele Jahre nicht durchsetzen konnte, weil es oft der Standesdünkel unfähiger Ärzte nicht zuließ, daß der Patient seine Therapie selbst in die Hand nehmen durfte.

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B.N., Okt. 2000

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