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Wie ich mit 62 jugendlicher Diabetiker wurde

Rückblickend muß ich sagen, es hat sich, wenn auch kurzfristig , angekündigt.
Jetzt könnte ich die Zeichen deuten.
Im April 2002 ließ ich noch einen Blut und Harntest machen. Das Labor und der, die Laborwerte interpretierende Hausarzt fanden keine Hinweise auf irgendetwas Verdächtiges. Zum 62. Geburtstag Ende Juli 02 fuhr ich von meinem Ruhesitz, dem Wohngebäude einer ehemaligen Wassermühle, zur Familie nach Wien zum Feiern. Ich erinnere mich dass ich damals nächtens aufstand um zu trinken - das Festessen beim Griechen wird wohl gut gewürzt gewesen sein. Ein paar Tage darauf kehrte ich in's Waldviertel zurück. Bei der 140 km langen Rückfahrt musste ich mehrmals bei einem Pipihaus stehen bleiben. Noch immer habe ich das nicht als Alarmzeichen gedeutet - warum auch, es ist nichts Ungewöhnliches dass man nach viel Trinken oft muß.

August 2002 es regnet und regnet. Die Zwettl tritt über die Ufer. Mein Nachbar bewohnt den wasserrechtlichen Teil der Mühle. Das hölzerne Wasserrad wurde bereits 1914 entfernt, und ein E-Werk errichtet. Die liegende Francis Zwillingsturbine Bj. ca. 1914 wurde 1990 restauriert, die Werkstattruine 1993 zu einem schönen Wohnhaus umgebaut.

7.Aug 02. Wassermassen wälzen sich durch Nachbars Garten. Schotter und Holz kommt durch den Mühlgang Irgendetwas verklemmt sich in der Turbine, das schwere Gusseiserne Schwungrad dreht sich noch - das Gussgehäuse der Turbine birst. Die Turbine ist, nach 89 Jahren Betrieb, irreparabel kaputt. In der Nacht taumelt der Feuerwehrmann Franz R. zu einem Schaltkasten im Freien und hält sich daran fest. Erste Hilfe durch Feuerwehrkameraden, der per Funk verständigte Notarzt wartet an der Bundessraße. Kohlenmonoxydvergiftung. Vermutlich durch Abgase eines Pumpenaggregates. Per Rettungswagen fährt er ins Krankenhaus Zwettl.

2h nachts : Im Scheinwerfer der Feuerwehr sieht man ein Floß die Zwettl abwärts treiben. Es war die Brücke über den Zwettlbach (jetzt Strom) von der 1km stromaufwärts gelegenen Mühle, 4 mächtige Holzstämme verbunden mit einer Lage zweizölliger Pfosten. Sie donnerte (Das Geräusch ging im Wasserrauschen und im Lärm der Pumpenaggregate unter) an "unsere" Holzbrücke , hob sie aus dem Auflager und schlüpfte darunter weg. Unsere Brücke wurde vom, am Tragbalken befestigten Telefonkabel gehalten.

8. Aug. Wetterbesserung, der Wasserstand sinkt. Erste Aufräumungsarbeiten.

12. Aug. Es regnet und regnet. Ein neuer Höchststand des Wassers. Die verschobene Brücke schwimmt auf. Das schwer armierte (blitzgeschützte) Telefonkabel wird von der Brücke aus der Künette gezogen und reißt. Kein Strom - keine Verbindung zur Aussenwelt bis auf den Waldweg. Die Brücke bleibt bei den Uferweiden hängen, der Holzhaufen ist nicht mehr als Brücke zu erkennen. Das Brückenauflager aus tonnenschweren Granitblöcken wird weggespült. Es hört auf zu regnen und wir beginnen wieder mit Aufräumungsarbeiten.

14. Aug. Die Telekom - Monteure haben durch den Wald und über die Zwettl eine provisorische Strippe gezogen. Das Telefon und der PC / Internet Anschluß wird von mir getestet. Ich habe großen Durst und fahre den Waldweg hinauf zum Parkplatz vom Angerwirtshaus. Der Nachbar der Wirtin geleitet mich in die Gaststube und meint " Ruf doch einmal den Doktor an, der Walter ist so seltsam aus dem Auto gestiegen "ob er nicht einen Schlaganfall hat" ? Ein Rettungswagen bleibt vor dem Haus stehen, der Sanitäter kommt an die Theke schaut mich genauer an und meint: Gehen wir zum Wagen, darf ich Sie vorläufig mal in den Finger stechen bis Sie der Arzt anschaut? Nach einigen Sekunden meint er "Da hat's etwas mit dem Instrument, das geht doch nur bis 450" . Nochmal stechen , diesmal unter Aufsicht des eingelangten Notarztes. Der Arzt will gleich meine Personalien wissen, ich trage vorläufig den Autoschlüssel zur Wirtin : "Ich hol mir den Wagen später (am Abend, dachte ich)."

Nach kurzer Untersuchung bekam der Sani einen Einlieferungsschein für das KH Zwettl. Unter Protest musste ich mich auf die Liege bequemen. "Ich hab doch nichts mir geht's doch gut !", viel lieber wäre ich am Autofenster gesessen und hätte Überschwemmung geschaut. Ab ging's über Nebenstraßen, die Betonbrücke im Laufe der B119 über die Zwettl war nicht mehr. In rauschender Fahrt, im wahrsten Sinne des Wortes ; Durch 10 cm tiefes Wasser über überflutete Straßen. Ziel Krankenhaus Zwettl Rettungszufahrt - Aufnahme.

Rückblick:
-- genaue Messwerte verraten die Ärzte nicht dabei hätte ich gerne publikumswirksame Zahlen für Thekengespräche erfahren -- aber im Dez 02. besuche ich den Adventsmarkt und den Punschstand vom Arbeitersamariterbund Groß-Gerungs (Ohne Punschkonsum) Der Zufall wollte es dass mich der Sanitäter hinterm Tresen erkannte. Ich bin in seinem Gedächtnis tief verankert. Er hat noch nie einen Patienten mit 560 BZ transportiert der sich (fast) normal bewegte und (voll?) handlungsfähig war. Auf Grund meines Mundgeruches an der Theke war die rasche BZ Messung seiner Meinung nach angebracht.

Ein letztes Mal kann ich mich noch durchsetzen, ich steige von der Liege und aus dem Wagen aus "Ich bin doch nicht schwerkrank, - ich muß doch nicht liegend transportiert werden !" Ab jetzt beuge ich mich der weißgekleideten Übermacht. Auf einem Krankenfahrstuhl werde ich zur inneren Abteilung transportiert. Nadel in die Armvene, EKG, Blutprobe, Größe ,Gewicht, .....etc. etc. Ich werde in ein Zimmer geführt und bekomme ein Bett zugeteilt, und schon hänge ich am Tropf. Mein erster Gedanke "wie kriege ich die verdammte Flasche vom fixen Galgen hinüber auf den fahrbaren Infusionsständer falls ich auf's Pipihaus muß?" - hat sich von selbst erledigt - ich war die erste Nacht nicht länger ohne Beobachtung bzw. Hilfe. Kurzer Tratsch mit den Zimmergenossen " .. aus "W" bist du?, da hat erst vor 2 Tagen ein Feuerwehrmann das Bett geräumt" , "der hat sich bei einem Hochwassereinsatz eine Kohlenmonoxydvergiftung geholt " "Franz R.?" -- "Der war seit 7. Aug. hier" ... Weiß ich doch! Dauernd ist jemand um mich. Injektion, - Blutdruck messen, - "Hatten Sie in letzer Zeit Probleme mit der Sehkraft?", - Tropf wechseln (aha- Salzwasser ),- Finger pieksen (schon wieder?), - Tafel : "NÜCHTERN" am Bett ,-trotz der dauernden Störungen habe ich erstaunlich gut geschlafen. Frühmorgens zuerst wieder diverse Messungen, dann wieder eine Injektion. - Aber Frühstück bekommen Sie erst 45 min. später -?-? , Wieder : messen,- pieksen,- "wie geht es Ihren Augen ?" - kurz nach Mittag Visite, und dann verkündet mir ein Arzt: "Sie sind Diabetiker" So schnell wird man Das!?

HbA1c von 11% auf 6,4% in 3 Monaten

genaue Messwerte verraten die Ärzte nicht sofort, die erwähnten Zahlenwerte habe ich erst später zusammengeschrieben.

Das war also eine nahezu Lehrbuchmäßige Manifestation eines Typ1 Diabetes mit dazugehöriger Stoffwechselentgleisung. Blutzucker ca. 560, HbA1c 11% , Blutübersäuerung , Dehydrierter Körper, ca. 3 kG weniger Körpergewicht als vor 4 Monaten. Augenhintergrund wurde im Laufe des stationären Aufenthaltes vom Augenarzt überprüft und für OK. befunden. Nach 3 Tagen wird das Hängen am Tropf weniger und ich beginne mit der Erforschung des Krankenhausgeländes.

Ich bekomme eine Diabetes Broschüre und beginne Diabetes zu lernen. Der Diabetes Spezialist Dr.M. nimmt sich spätabends Zeit und erklärt mir mit vielen "Fachchinesischen" Ausdrücken und mit skizzierten Diagrammen (der beste Weg mit einem Techniker i.R. zu reden ! ) was mit mir geschehen ist, und wird.

7.Tag. Die Diabetes-Schwester schult mich am BZ Messgerät ein und erklärt mir den Pen. (Dieses mir ! , ein weibliches Wesen lehrt mich Messen - Nach mehr als 30 Jahren in der Industriellen Mess-u.-Regeltechnik!). Ich übe Messen (einen Teil der 8 täglichen Messungen). die amtliche Kontrollmessung machen die Schwestern. Die BZ Werte pendeln zwischen 70 und 310. Unter Anleitung erste Insulindosis mit meinem Pen.

9. Tag Die Entlassung aus dem Krankenhaus naht. Herrn Dr.M. erscheint es sinnvoller die weitere Einstellung ambulant mit meinem normalen Tagesablauf durchzuführen. Ersteinstellung : Früh / Mittag /Abend (Tagessumme) 36/8/16 ( 60) IE. bei 5/5/5 BE

10. Tag (Sa. 24. 8. 2002) Entlassung aus dem KH. Mit BZ. Messgerät, 2 Pens und Erstausstattung Messstreifen und Insulin, vielen Telefonnummern auch Handynummern ("Scheuen Sie sich nicht auch zu unmöglichen Zeiten anzurufen falls Ihnen etwas ungewöhnlich vorkommt !" ) die ich aber bis jetzt nicht brauchte. Dann Betstunde zum heiligen Bürokratius - Lieferschein Pen, Formular zur Bestellung von Diabetikerbedarf, Noch ein paar Broschüren über gesunde Ernährung und Diabetes, Rechnung für Selbstbehalt- Aufenthaltskosten, Kurzbericht für Hausarzt , Übernahmebestätigung BZ Messgerät, Ergänzung der persönlichen Daten wie SV Nummer etc... und um 13h werde ich abgeholt. Auto und Schlüssel werden vom Wirtshaus geholt. Kurze Kontrolle was im Haus noch funktioniert. Einkauf der Grundversorgung für die nächsten Tage. Vorsichtige Jause (Mit Broschüre über Diabetes und BE in der Hand). Ich genieße das Hallenbad mit Generalreinigung und ein paar Längen Schwimmen. Dann Messen, Spritzen, Abendessen, die erste Zigarette nach 10 Tagen. Dann nach Hause in's Einschichthaus. Traubenzucker auf's Nachtkastel und (ein bisschen nervös) Nachtruhe.

Ab dem 11. Tag    zweieinhalb Monate lang Hauptbeschäftigung: Meinen Diabetes lernen. Ich bin nur sehr eingeschränkt für anderes ansprechbar. Unter vielen Anderen finde ich im WWW die diabeticus Seiten. Dort hole ich mir für meine Diabetes-Skripten aus dem rechhaltigen Infos das für mich verwertbare. Ich habe einen hohen Messstreifenverbrauch für das Erstellen von Tagesprofilen. Wie sag ich das der Kasse dass ich so oft messen muß um meinen Diabetes zu ergründen?

14. Tag Ambulanztag. Mein Körper beginnt anscheinend das Insulin sinngemäß zu Verwerten. Die hohen Vormittag-BZ Werte normalisieren sich. 34/8/15(57) IE

nach 2 1/2 Monaten : Erstes Aussagekräftiges HbA1c : 7% ! da freut sich Dr.M., Ich mich auch. - 25/6/15(46) IE

15. 11 2002 -nach 3 1/2 Monaten Ich glaub ich hab's im Griff. - Und das mit nur minimalen Einschränkungen der Lebensweise. HbA1c 6,4%, 22/6/15 (42) IE

12. 2. 2003 HbA1c 6,3% , 15/5/15 (35) IE Dr.M : "Da haben wir sehr rasch das eigentliche Therapieziel erreicht."

----- Ich bin stolz auf meinen Diabetologen - und auf mich ! -----

im März. 2003, K.W.


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