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DIE Diabetikerschulung

Die Sünde mit dem Sündigen

Viele Diabetiker kennen den in meiner Kindheit sehr beliebten Begriff des "Sündigen". Gemeint ist, daß man Sachen aß, die nicht mit der Spritzdosis übereinstimmten. Ich kann mich noch gut erinnern,  wie meine Eltern aus Sorgen, daß ich in ein Koma fallen könnte, mir jegliche Süßigkeit verboten haben und ich in diesem Sinne nicht sündigen sollte. Aber wie das so als Kind ist, war ich dann nach der Schule mit den Freundinnnen doch in der Eisdiele und schon hatte ich "gesündigt".

Und dann passierte in meinen Kopf die Assoziationen mit dem kirchlichen Begriff der Sünde. Ich war jetzt ein böses Mädchen, ausgeschlossen von den lieben Leuten und hatte was gemacht, was man am besten vertuscht, damit man keine Strafe dafür bekam.

Sünde treibt in die Isolation und ins so lang wie möglich abstreiten des Getanen. Ausserdem konnte ich auch die Süßigkeiten nicht wirklich geniessen, weil doch immer der Hauch des Bösen darüber schwebte. Irgendwie habe ich auch gedacht, daß bei mir irgendwas nicht ganz in Ordnung sein kann, weil ich doch immer wieder Lust auf das nicht Erlaubte, auf das Sündigen hatte. Irgendwie fühlte ich mich auch noch etwas minderwertig und damit keiner mitbekam, was ich da wieder angestellt hatte, habe ich natürlich alles abgestritten, damit ich das gute Diabetiker-Mädchen sein konnte.

Das habe ich dann auch gemacht, was zur Folge hatte, daß mein Blutzucker in die Höhe schnellte und meine Eltern sich doch schwer wunderten, was mit mir los war, da ich und sie an diesem Tag doch alles korrekt gemacht hatten. Erst auf Druck habe ich dann erzählt, was ich gemacht hatte und bekam dementsprechend Schimpfe.

Heute reagiere ich entsprechend empfindlich auf den Begriff "sündigen", ausserhalb des kirchlichen Raumes und ich wünsche keinem Kind oder erwachsenen Diabetiker diese Gefühle, die in mir tobten, wenn ich Dinge aß die ich nicht abgespritzt hatte. Denn heute bei intensivierter Therapie gibt es in meinen Augen keine Fehlverhalten mehr, es gibt nur noch Testphasen, wo man halt auch mal mit den Spritzmengen daneben liegen kann und doch die Möglichkeit hat beim nächstenmal alles korrekt zu machen.

Ich rate so allen Leuten, die mit Kinder zu tuen haben, den Begriff des "sündigen" im Bezug auf Diabetes tunlichst aus ihrem Sprachgebrauch zu streichen.


TS, September 1998.

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