
Ich kenne diesen Lebenswandel nur zu gut:
Ich hatte nach ca. 20 Diabetikerjahren, überhaupt keine Lust mehr auf Testen, Spritzen ging nach Gefühl und mein Arzt hat sich immer über meine HbA1-Werte aufgeregt, was mich wenig juckte, da ich regelmäßig auf "Spät"-schäden untersucht wurde und nicht diesbzgl. auftauchte.
Aber dann hat er mich zu einem Gespräch gebeten und wir haben uns mal darüber unterhalten, warum ich den nicht testen will. Weil das Wissen und die Einsicht waren ja irgendwie da, aber dafür habe ich immer noch nichts gemacht. Da mußte noch irgendwo was in der "Psyche" klemmen. Und da haben wir einiges rausbekommen: Meinerseits war das größtenteils reine Trotzhandlungen (und der Rest reine Faulheit).
Als ich mit 3 Jahren Diabetes bekam und von Ärzten, Schwestern und Eltern zu hören bekam, du mußt dein ganzes Leben Blutzucker testen und spritzen, da hat der kleine "Professor" in mir gesagt, das meint nur ihr, ich weiß das besser. Und so habe ich jahrelang gespritzt und ab und zu getestet, mit dem Gedanken, ich muß das für die anderen tuen und nicht weil ich das wollte und ich das eingesehen hatte.
Mein Arzt hat mich eigentlich damit hinter den Ofen hervorgelockt, indem er mir klarmachte, daß das wenn ich es tue, weil ich es will, dann kann ich darauf stolz sein und damit hätte ich was tolles geleistet. Und ich bin auch irre stolz, daß mein HbA1, die letzten zwei Monate in den Idealwerten liegt.
Ich hasse zwar immer noch den Schmerz beim Spritzen und Testen. Aber ich habe mit meinem Arzt ausgemacht, ich teste nur dreimal am Tag, egal wie schlecht diese Werte sind, damit ich nicht das Gefühl bekomme ich stehe unter dem Knebel des Blutzuckertestens. Dafür haben wir uns Gedankenstützen ausgedacht, die mich ans Testen erinnern, weil Uhrzeit reicht mir allein nicht. Das ist sowas wie, ich komme Samstags Mittags vom Markt und teste den Blutzucker als Vorbereitung, daß ich die leckeren Dinge vom Markt dann essen kann. Oder als Startrek Voyager noch um 18:00 lief, daß ich den Blutzucker getestet habe, als Vorbereitung zum Mitflug. Hört sich vielleicht blöd an aber mir hilft das. Und vergesse nur noch ganz selten meinen Blutzuckertest. Dazu habe ich noch einen neuen Stickser bekommen, da mir mein alter zu tiefe Löcher gemacht hat. Es ist der Softclix II von Boehringer Mannheim, bei dem man die Stichtiefe auf Werte zwischen 1/2 und 5 1/2 einstellen kann. Denn finde ich so genial, weil ich kaum noch was spüre bei einer Einstellung von 2 1/2, daß ich ihn sogar bei der Blutabnahme für den HbA1-Wert beim Arzt benutze, weil mir die Lanzetten dort zu weh tuen.
TS, Dezember 1997