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Teufelchen und ich

Im Oktober 2003 feier(t)e ich meinen zweiten Geburtstag zum 12. Mal. Zwölf Jahre lebe ich, über jede statistische Wahrscheinlichkeit hinaus, mit „Engelchen und Teufelchen“. So habe ich genannt, was Chirurgen betont distanziert lieber als „Nieren- und Pankreastransplantat“ bezeichnen. Teufelchen, meine transplantierte Bauchspeicheldrüse, war von Anfang an ein schwierigerer Geselle als die Niere. Teufelchen hat eben einen Pferdefuß und Hörnchen. Seine Speerspitzen stecken tiefer in meinem Bauchfleisch als Engelchens Flügel. Wo Engelchen sanftmütig und regelmäßig durch mein Blut flattert, beißt das leicht entzündliche Teufelchen schon mal ins Umfeld des Gedärms, oder es spuckt Amilase (Pankreassaft) in einer Konzentration in die Blase, die jede Schleimhaut erröten lässt.

Diese diabolischen Charaktereigenschaften hätten im vergangenen Jahr beinahe zu seiner Vertreibung geführt. Plötzlich war er nur noch Störfaktor. „Schuldig“ wurde er gesprochen, für geheimnisvolle, unliebsame Symptome. Man wollte ihn umleiten, neutralisieren, sein Gift in giftiger Umgebung weniger giftig machen, notfalls ihn opfern. Medizinisch ausgedrückt: Ein ruhmversessener, naiver junger Herr mit Professorentitel traute seinen Händen zu, die Konstruktion in unserem Bauch nach moderneren Bauplänen umzugestalten. Neuerdings werden Pankreastransplantate nämlich nicht mehr gern in die Blase, sondern in den Darm abgeleitet. Angeblich richten die aggressiven Säfte dort weniger Schaden an als in der empfindlichen Blase. Der Herr Professordoktor war ganz versessen darauf, Teufelchens Säften eine solche Umleitung zu graben. Vielleicht war das ja wirklich gut gemeint. Aber ein Teufel, dem man Zähne und Hörner abbricht, der sticht wild mit seinem Dreizack um sich. Lucifer, der Lichtträger, lässt seine Laterne fallen, sendet die Splitter aus - und wird dann eben „geopfert“.

Jedenfalls habe ich diese Katastrophe kommen gesehen und NO! gesagt zu einer Modernisierung des Altbaus Bauch. Niere, Pankreas und ich arbeiten immer noch in der alten Vernetzung zusammen. Ab und zu stellen sich Störungen ein. Aber ohne das teuflische Pankreas würde der Diabetes meiner Niere schnell wieder die Flügel brechen. Also ertrage ich Teufelchens unfreundliche Eigenarten – so, wie es einem echten Freund zukommt. Er hat diese verletzlichen, spitzen Zähnchen. Aber alles in allem sorgt er für reibungslose Verdauung des Zuckers.

Was ich mit all dem sagen will? Nachdem ich mich in diabeticus vor einigen Jahren als schlechtes Vorbild für Diabetikerinnen geouted habe, möchte ich nach 12 Jahren, die ich ohne diese Fesseln leben darf, allen transplantationsbereiten Patienten Mut machen. Pankreastransplantationen sind manchmal die einzige und letzte Chance. Allerdings stehe ich nach wie vor jenseits von Lüge und Schönfärberei: Keine Transplantation der Welt dreht das Rad der Zeit zurück. Es ist immer noch kurz vor Zwölf. Die alte Grund-Erkrankung holt mich immer wieder ein, wie meine allegorisierte Schilderung meiner Bauchverhältnisse und ihrer Entwicklung beweisen sollte.

Gesund haben Engelchen und Teufelchen mich nicht gemacht. Sie haben mir jedoch beigebracht, mein kränkelndes Leben und sie zu lieben, und zwar mitsamt allen Schmerzen und Folgeproblemen, die sie mir verschaffen. Der jüdische Philosoph Hans Jonas hat einmal, ich weiß gar nicht, in welcher Rede, von der überschießenden Komplexität des Lebens gesprochen, die sich aller Vorhersagbarkeit und Planbarkeit entziehe.

Keine Angst, Leute: Ich komme euch hier nicht mit großer Philosophie. Dennoch will ich mich als ein Beispiel für jene überschießende, unsere Fantasie übersteigende Vielfältigkeit des Lebens bezeichnen. Leute wie mich gibt es nicht viele und Leute wie ich sprengen Befürchtungen wie Erwartungen. Kurz vor meiner Dialysezeit, also vor etwa 13 ½ Jahren, traute ein Chefarzt meinem Körperwrack genau drei Tage noch zu. Was für eine Prognose! Das Wrack ist immer noch nicht untergegangen.

Pankreas-Transplantation? Das hält nicht lange! hieß es vor 12 Jahren skeptisch. Sind diese Jahre nicht doch ziemlich viel Zeit, nicht ahnbare, nicht mal gehoffte, unprognostizierbare Zeit? Und ist diese Zeit nicht immer ein überraschender Heiler? Kluge Chefärzte dagegen weigern sich immer noch, anzuerkennen, dass meine diabetische Polyneuropathie sich nach 12 Jahren diabetesfreier Zeit spürbar verringert hat; solche Verbesserungen seien statistisch nicht nachweisbar, sagten sie und steckten mich, als ihnen nichts Besseres mehr einfiel, in diese diagnostische Schublade. Aber ich bin schon ein paar Mal wieder hervorgekrabbelt. Was eine Patientin spürt, ist nun mal wirklicher als die Statistik.

Susanne Krahe, im Oktober 2003


Susanne Krahe hat auch eine Hompage. Dort findet man nicht nur ihre vielfälltigen Aktivitäten, die sie trotz Erblindung ausübt, dargestellt. In einem ihrer Bücher beschreibt sie ihr Leben nach der Transplantation:

Adoptiert: das fremde Organ. Transplantation als Grenzerfahrung.
Susanne Krahe / Taschenbuch / Erschienen 1999

Dieses Buch kann online bestellt werden.

Bernhard Neikes, im Okt. 2003


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