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Jenseits der Lüge

Um es gleich zu sagen: Ich bin ein schlechtes Vorbild. Meine Karriere als Diabetikerin ist exakt so gelaufen, wie sie weder laufen soll noch muss: in einen Abgrund. .

Es wäre müßig, alle Stationen dieses Sinkfluges nachzuzeichnen. Die Endstation genügt: restlose Erblindung, Nierenversagen mit Dialysepflicht, Polyneuropathien -innen und -außen. ..... Ganz unten bin ich gelandet, schließlich sogar auf dem OP-Tisch eines Transplanteuers. Nein, aus eigener Kraft und Vernunft habe ich meinen Diabetes nicht in die Zange bekommen. Mich Negativbeispiel konnte nur eine Simultan-Transplantation von Niere und Pankreas retten. Seit fast neun Jahren habe ich jetzt keinen Diabetes mehr. Nur deshalb kann ich heute über meine Erfahrungen mit dieser Krankheit schreiben.

Um noch etwas gleich zu sagen: Ich komme aus der Dinosaurier-Epoche der Diabetes Therapie. Die Diagnose traf mich 1978 – in einer Zeit, als HBA1 noch eine sinnlose Buchstaben- und Zahlenkombination war, als entgleiste Diabetikerinnen nur im Krankenhaus eingestellt wurden, als sie keine Möglichkeiten zu selbständigen Blutzuckertests hatten, die Diät aus 3 Kartoffeln täglich bestand und psychologische Hilfen in einem lockeren: "Seien Sie tapfer, seien Sie diszipliniert!" endete.

Seit damals hat sich zum Glück viel, wenn nicht alles geändert. Die Therapie ist effektiver, da menschlicher geworden. Ärzte sind Partner, nicht Götter, und die Schuld-Strafe-Terminologie wurde aus dem Umgangsvokabular der Ärztinnen und Diätassistenten weitgehend gestrichen. Es kann also sein, dass meine Probleme von damals heutzutage gegenstandslos geworden sind. Lüge, Verdrängung und Angst, die Leitmotive meiner diabetischen Jahre, gelten sie heute nicht mehr ?.

Oh ja, Susanne hatte ihren Diabetes im Griff. Diät? Spritzen? Kontrolle? Kein Thema. Immer eine Packung Traubenzucker gegen den Schock, immer etwas Süßes. Die gut geschulte Susanne wusste über alles Bescheid, auch über mögliche Folgeschäden. Erblindung? Ich doch nicht. Dialyse, na und. Der liebe Gott würde mich, ausgerechnet Susanne, verschonen, da war sich die diabetische Theologin ganz sicher. Der Gott der Vergebung aller Diätsünden würde seine, nicht meine Augen zudrücken. Und wenn er sich mit einem rachsüchtigen Kopfschütteln doch einmal in meine Alpträume schlich, würgte ich diese Drohungen mit einer Praline herunter. Immer etwas Süßes gegen den Schock. Immer ein Zückerchen gegen die Todesangst, ein Extraspritzchen gegen den sauren Atem herannahenden Komas.

Alles im Griff. Akademisch gebildet wie die oberschlauen Mediziner, wusste Susanne über sämtliche Stoffwechselvorgänge im Körper Bescheid, über Broteinheiten Fettlebern Gewichtskontrolle Bewegung und Sport. Kopf hoch über dem Bauch, und alles unter Kontrolle. Bestand sie nicht jeden Zuckertest mit Bravour? Wie im Examen: Man musste nur rechtzeitig mit den Manipulationen beginnen und dem Onkel Doktor einen abgeleckten Naschfinger hinhalten. So erschwindelte sich die Musterstudentin ihre guten Zeugnisse. So mogelte ich mich durch die Disziplinarverfahren der Selbstbeherrschung und des Verzichts. Torte? Nein danke. Nussnougatstangen? Pfuiteufel. Susanne schüttelte den Kopf, bis er in der Angel quietschte. Beim Kaffeeklatsch mit ihren Freundinnen knabberte die Asketin tapfer an ihrem Zwieback. "Macht dir das gar nichts aus?" wollte selten jemand wissen. Nein, sagte Susanne, nein, und wieso denn. Die Schnupfen ein bisschen hartnäckiger als bei anderen Gesunden, die Husten lauter, die Wunden eitriger. Ganz natürlich war so etwas, ganz normal. Kein Problem war das für die tapfere Susanne. Mit ihren Spritzen und Insulinampullen konnte die sogar durch Amerika reisen, warum denn auch nicht. Die brauchte keine Hilfe. Die hatte gar keine Angst. Die machte niemandem Sorgen, der sie doch liebhatte. Als nach all den Jahren meiner perfekten Lebensführung aus der sinnlosen Buchstaben- und Zahlenkombination endlich der HBA1 erfunden wurde und zweistellig war, konnte sich das niemand erklären, am allerwenigsten ich selbst..

Aber tief unter Susannes Haut hatte eine andere gesteckt, eine, die von den kurzen Spritzennadeln nicht erreicht worden war. Kleines Mädchen mit dem Daumen im Mund: kleines, bedürftiges Menschlein, ein Stoffwechselwesen, das sich über Nacht in ein Wasserwerk verwandelte. Durstdurstdurst. Manchmal schwammen die Schriftzüge auf den Buchrücken auseinander, kippten die Buchstaben nach rechts und ließen sich für Sekunden nicht mehr aufrichten. Erblindung. Mich, ja gerade mich würde es treffen. Ich wusste es, und immer, wenn ich es wusste, bestellte ich eine Extraportion Pommes rotweiß, weil ich wenigstens jetzt noch leben wollte und weil mein Restleben auf diese fettriefenden gelben Dinger zusammenschrumpfte. Spätschäden. Mich, niemand anderes als mich würden sie treffen. Aber allen Diabetikern bleibt der goldene Schuss als letzter Ausweg. Gedankenspiele? Spaßeshalber zog ich zehn mal 40 Einheiten auf – und spritzte das mörderische Insulin ins Waschbecken. Spätschäden. Grauer, grauer Star. Spasseshalber zog ich die notwendigen Einheiten auf, spritzte sie aber nicht unter die Haut, aus der ich herauswollte, nur noch heraus..

Nein, ich war nicht ehrlich zu mir und meiner Angst. Ich habe mich nicht genug geliebt; diesen insulinbehinderten Körper einer unbehindert leben wollenden Susanne. Ich habe mit dem Tod geflirtet, ohne seinen stinkenden Atem zu kennen, und als er dann durch die Dialysestation schnaufte und der Blinden seinen verführerischen Kuss auf die Augenlider drückte, war es fast zu spät.

Um es gleich zu sagen: Die Transplantation von Niere und Pankreas macht nicht alles wieder gut. Aber sie ist trotzdem ein Wunder. Die Spenderorgane haben mein Augenlicht nicht gerettet, aber sie haben den Tod von meiner Seite und mich aus dem Dialysesessel geschoben. Es gibt Komplikationen. Es gibt immer noch Angst, aber es ist eine Angst vor dem Sterben, nicht vor dem Leben. Ich weiß um Verluste, die sich nicht mehr kompensieren lassen, und manchmal wache ich um 3 Uhr morgens auf, weil die Wut in Kopf und Bauch mich aus den Träumen trommelt. Aber so ist es eben, und so ist es gut. Ich brauche die Lüge nicht mehr.


Susanne Krahe, im Juni 2000


Susanne Krahe hat auch eine Hompage. Dort findet man nicht nur ihre vielfälltigen Aktivitäten, die sie trotz Erblindung ausübt, dargestellt. In einem ihrer Bücher beschreibt sie ihr Leben nach der Transplantation:

Adoptiert: das fremde Organ. Transplantation als Grenzerfahrung.
Susanne Krahe / Taschenbuch / Erschienen 1999

Dieses Buch kann online bestellt werden.

Bernhard Neikes, im Juni 2000


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