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DIE Diabetikerschulung

Bilanz nach über 3 Jahren Diabetes

Mein Name ist Sabrina. Ich erblickte 1980 das Licht der Welt, es war ein Nordlicht, und bin seit Februar 1996 Typ1 Diabetikerin.
Zuerst auf ICT eingestellt, habe ich im Januar 1997 die Pumpe bekommen und "wir verstehen uns prächtig". Soviel für den ersten Überblick.

Angefangen hat alles mit meiner Ersteinstellung im Februar 1996. Gerade frisch diagnostiziert wurde mir im Krankenhaus dann gesagt, ich sollte mir keine hohen Lebenserwartungen machen, Diabetiker sind eh unfähig auf sich aufzupassen und sie wollen es ja auch nicht. Und man sollte sich eigentlich nicht zu sehr damit beschäftigen.

Dies waren die Worte eine "netten" Wochenenddienstarztes, den es wohl gestört hat, das er am Freitagabend eine neue Patientin bekommen hat. Die Stationsärztin , die mich ab Montag dann betreute, hatte da zwar schon nettere Worte, aber ich hatte meinen ersten Knacks schon mal weg.

Für meine Mutter war es ja schon fast der Weltuntergang. Wie ich Ihr das antun konnte und so was kam dann immer. Jedenfalls habe ich die 2 Wochen Krankenhaus auch überstanden. Am meisten genervt hat mich, daß ich nicht mit auf Klassenfahrt, die genau danach anfing, konnte, bzw. durfte.

Außerdem verlangte meine Mutter, daß mir in der Schule ein Extraraum zur Verfügung steht, wo ich testen und spritzen konnte. Getreu nach dem Motto: "Tu alles, damit diese Krankheit (für sie ist es eine) Macht über Dich erlangt" und Du Dir wie ein Aussätziger vorkommst.

Nach den Osterferien, die dann ein Glück ziemlich schnell kamen, habe ich dann alles in der Klasse gemacht. Getestet und gespritzt. Für meine Klassenkameraden war es zuerst halt aufregend, sie wollten auch alle mal testen. Aber jeder weiß Bescheid, was für einen eventuellen Notfall ja ganz gut ist, und haben genauso wenig Probleme wie ich. Und solche Probleme gab es auch erst 2 Mal. Ich habe unterschätzt, wie sehr auch geistige Arbeit am BZ knabbern kann.

Ich war in meiner ersten zweistündigen Mathematikklausur. Und nun ja, die ersten beiden Aufgaben waren sehr einfach. Hatte sie in knapp einer Stunde fertig. Also blieb noch 1 Stunde für die letzte Nummer, die eigentlich gar nicht schwer war. Nun ja, ich überlegte halt stärker, bekam Kopfweh , und dann einen Schweißausbruch und war völlig verzweifelt.

Mein Mathelehrer hat irgendwie bemerkt, daß ich nicht "normal" bin, und fragte mich was los sei. Da ich nicht mehr so ganz "entscheidungsfreudig" war, bekamen es meine Klassenkameraden mit und meinten, daß ich wohl besser was zu mir nehmen sollte. Also wurde mir eine Dose Cola aufgezwungen und noch Traubenzucker. Nach kurzer Zeit ging´s dann auch besser.

Die Klasse durfte 15 Minuten nachschreiben, mir wurden sogar noch mal 30 Minuten gegeben, aber ich konnte einfach nicht mehr denken, denn ich hatte mittlerweile wunderbare Kopfschmerzen.

Nun ja, die Klausur wurde normal gewertet und ich bekam eine 2- . Bei den nächsten Klausuren hatte ich dann immer Schokolade dabei und die dann zwischendurch gefuttert. Das Gleiche ist mir dann noch einmal passiert, nämlich bei meiner ersten vierstündigen Matheklausur. Es hat sich hier Ähnliches ereignet. Ich hatte zwar mehr Schokolade dabei, aber wußte nicht, daß der Bedarf so rapide ansteigt.

Ich dachte, es wäre ein kontinuierlicher Verbrauch, also, pro Stunde 2 Riegel. Aber ich habe dann herausgefunden, daß ich 2,3,4 und 5 Riegel benötigte. Nun ja, diesmal habe ich es aber von alleine gemerkt, als ich 1,5 Stunden vor Ende wieder einmal an einer Aufgabe gesessen bin und es nicht klappte. Nachdem ich dann entsprechend Zucker eingeworfen hatte und mal für 10 Minuten an die frische Luft gegangen bin, war alles in Ordnung und ich konnte die Arbeit zu meiner Zufriedenheit beenden. Aber wäre die Klasse nicht informiert gewesen, glaube ich kaum, daß die erste Klausur, so glimpflich abgelaufen wäre.

Für meine jetzigen Leistungskurs Klausuren in Mathe und Physik senke ich die Basalrate immer um die Hälfte und esse eine kleine Tafel Schokolade. Dabei habe ich gemerkt, daß ich bei Mathe mehr benötige, als bei Physik. Bei den anderen Klausuren, auch der vierstündigen Deutschklausur, muß ich dann gar nichts derartiges machen. Man muß es einfach ausprobieren.

Zuhause sieht/sah die Situation ganz anders aus. Ich fragte immer wann es Essen gibt, aber Auskunft habe ich dann erst erhalten, als es bereits fertig auf dem Tisch stand. Um einen Spritz-Ess-Abstand einzuhalten , bedeutete das, jeden Abend ein kaltes Abendbrot zu bekommen. Dafür war es aber auf Milligramm genau abgewogen.

Die Situation war/ist folgende. Bei uns gibt es nicht zu bestimmten Zeiten das Abendbrot. Es kommt drauf an, was meine Mutter kocht bzw. was sie noch vor hat. So daß ich mich auch nicht auf eine feste Essenszeit einstellen konnte.

Irgendwann hat sie dann auch aufgehört, mir irgendwas zu sagen, sie hat dann, auch zum Glück, nicht mehr alles genau abgewogen. Von da an konnte ich wieder ein "normales" Leben führen. Ich habe mir eh angewöhnt, nur in meinem Zimmer zu spritzen, bzw. jetzt zu pumpen. Denn da kamen immer dumme Kommentare. Denen ich so aus dem Weg gegangen bin. Ich weiß nicht, ob es die beste Möglichkeit ist, jedoch für mich die Einfachste.

Außerdem kam meine Mutter mit ihrem angelesenen Halbwissen, denn sie behält nur die Hälfte, dichtet sich ihren Teil dazu und das ist dann die Wahrheit. Also, die Zeiten waren für mich nicht leicht. Mein "Diabetes-Wissen" habe ich aus dem Buch "Gut Leben mit Typ I Diabetes", vertrieben durch LILLY. Durch dieses Buch habe ich wirklich alles notwendige gelernt.

Die Besuche bei meiner Oma und Tante waren und sind auch immer schlimm. Meine Oma hat auch Altersdiabetes. Sie bekommt morgens und abends eine Spritze und muß dann zu bestimmten Zeiten essen. Das heißt um 7 Uhr Frühstück, um 10 Uhr Zwischenmahlzeit, um 12 Uhr mittag , um 15 Uhr Kaffe und Kuchen und um 18 Uhr Abendbrot.

  1. esse ich morgens normalerweise nicht
  2. habe ich auch um 12 Uhr noch keinen Hunger
  3. hasse ich Kaffee und Kuchen
  4. wenn ich um 18 Uhr was esse, habe ich immer mitten in der Nacht auch Hunger, weil ich mich immer schnell an den 3-stündigen Essrythmus gewöhne.

Jedenfalls ist meine Therapie ja total falsch. Ihre ist ja bedeutend besser. Ich müßte auch auf diese (mir ist der Name entfallen) Form umgestellt werden. Was natürlich für mich auch viele Vorteile hätte. Ich würde meine Essfreiheit aufgeben, müßte eine Bestimmte menge essen, ob ich will oder nicht. Kein Nachschlag Ich würde meine Zeitfreiheit verlieren, außerdem habe ich um 11/12 Uhr Schule, so daß ich da auch noch nicht mal essen kann.

....

Außerdem teste ich ja viel zu viel, einmal am Tag würde genügen, und mein Zielwert von 80 bis 120 ist ja eh zu niedrig. Über 200 muß der Wert schon liegen. Ich bin immer heilfroh, wenn ich von dort wieder weg bin , bzw. vermeide es überhaupt, dort hin zu fahren.

Nun wieder zu meinem Diabetesverlauf.

Im Sommer ´96 war ich dann zu meiner ICT Schulung. Sie dauerte 2 Wochen, wobei ich vielleicht 3 Stunden davon etwas neues gelernt habe. Hauptsächlich wurde die momentane Insulineinstellung überprüft. Ich wollte auf Lispro umsteigen, was mir aber verwehrt wurde, da ja die Einstellung erst noch geprüft werden sollte. Man gab mir jedoch einen Pen mit, so daß meine Hausärztin es mir verschreiben und überwachen sollte.

Als ich es ihr erzählte, hatten wir einen großen Streit. Daraufhin, und weil sie einige Sachen, die meiner Meinung nach unter die Ärztliche Schweigepflicht fallen, meiner Mutter gesagt hat, habe ich dann den Arzt gewechselt.

Und ich hatte Glück :-) Sie ist Diabetologin und sie ist mit meiner Einstellung sehr zufrieden. Nach einem Gespräch, denn Lispro ist ja noch nicht ausgetestet, hat sie es mir dann verschrieben. Ich sollte engmaschige Kontrollen durchführen und dann in 3 Tagen wiederkommen.

Durch das Lispro haben wir dann auch weiter festgestellt, daß ich ein starkes Dawnphänomen habe. Der Faktor ging von morgens 2.5 auf 6 IE/BE hoch. Daraufhin hat sie mich auch zur nächsten Pumpenschulung angemeldet.

Bis zum Januar 1998 kann ich noch vom Pfeiferschen Drüsenfieber berichten, welches mich 2 Monate "befallen" hatte. Ich habe 25 Stunden am Tag geschlafen, mußte jeden zweiten Tag zum Arzt und meine Insulindosis reduzierte sich auf 25% meiner normalen Dosis. Dafür hatte ich auch einen HBA1C von 4,5. :)

Auf die Pumpenschulung hatte ich mich auch wieder mit einem sehr guten Buch vorbereitet. Die Insulinpumpen-Fibel von Ulrike Thurm. Diese Schulung dauerte nur 1 Woche, wobei die meiste Zeit mit dem Beruhigen von älteren Leuten vor der modernen Technik drauf ging. In dieser einen Woche war auch weiß Gott die Basalrate noch nicht annähernd richtig eingestellt, so daß ich es die nächste Zeit zu Hause selber machen mußte.
Besonders mein Dawnphanömen hat lange Zeit in Anspruch genommen. Und meine Aufmerksamkeit nach nächtlichen Tests um 1, 3 und 5 Uhr war am nächsten Tag in der Schule auch nicht besonders. Jedenfalls habe ich es sehr gut hinbekommen.

Ich finde daher, wenn man sich mit der Materie gut beschäftigt, kann man auch ohne Arzt seine Insulineinstellung selbst anpassen. Denn es gibt keinen Arzt, der einen so gut kennt, wie man selber. Und der Diabetes muß ein Teil von dir selbst werden, so daß alles dazu gehört, wie das morgendliche Zähne putzen.

Gerade diese letzte Erkenntnis habe ich auch erst vor einigen Monaten gezogen. Ich war sehr im Streß, hatte keine freie Minute und wußte einfach nicht mehr weiter. Jedenfalls habe ich dann nur noch morgens und abends meinen Zucker gemessen, und auch nicht mehr lange überlegt, um die BE´s zu schätzen. Also die Einstellung in diesen 2 bis 3 Monaten war zum Fürchten. Erst als ich jetzt Ferien hatte und wieder viel Freizeit, habe ich mich auch wieder mehr auf meinen Diabetes konzentriert. Und ohne an den BE Faktoren oder der Basalrate etwas zu ändern, nur durch meine 4 bis 5 Messungen pro Tag, sind seit Anfang Juli fast sämtliche Meßwerte im Bereich von 80 bis 150 mg /dl. Einige Ausrutscher durch eine Erkältung mal ausgenommen.

Ich weiß nicht, ob nun nur der Streß die Werte so hochgetrieben hat, mit Sicherheit nicht, aber ich denke, daß ich meine Erfahrungen gemacht habe und daher hoffentlich nie wieder in so eine Situation kommen werde, wo ich meinen Diabetes so sehr vernachlässige.

Zum Glück bin ich glimpflich davon gekommen. Erst im Nachhinein mußte ich darüber nachdenken, daß es auch sehr in die Hose hätte gehen können. Ich hätte sowohl meine erste Unterzuckerung kriegen können oder auch meine erste Ketoacidose. Auf beides bin ich nicht sehr scharf und hoffe, daß ich doch noch lange warten muß, bis einer dieser Fälle eintritt.

In den Ferien habe ich noch etwas das erste Mal beobachtet. Ich habe einen Mittagsschlaf gemacht und bin normal aufgewacht. Nach ca. einer Minute jedoch war ich völlig, weinerlich, habe rumgemault, und angefangen zu heulen, als ob mich jemand abgestochen hätte. Mein Freund hat daraufhin, gegen meinen Willen einen BZ Test gemacht und ein Wert von 32 mg/dl gemessen.

Erst nach mehrmaligem Tritzen seiner seits habe ich den Traubenzucker gegessen und die Cola getrunken. Ich stand quasi neben mir und wußte, Du MUSST DAS JETZT ESSEN, aber den Teufel habe ich getan. Bei meiner Unterzuckerung während den Klausuren, habe ich ja noch von alleine getrunken und gegessen, aber das hier hatte mich´s schon sehr erschreckt.

Ein Glück, daß wir immer eine "Notfallration" auf dem Zimmer hatten, denn ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre hätte mein Freund nicht so schnell reagiert und in Reichweite gehabt hätten. Wodurch die Unterzuckerung ausgelöst wurde, weiß ich bin heute nicht. Ich hatte 4 Stunden zuvor etwas gegessen und gepumpt und auch vor dem schlafen noch einmal getestet. Alles war im Normalbereich.

Ich kann jetzt jedenfalls auch jeden verstehen, der sagt, ich habe keine Lust mehr auf meinen Diabetes, warum ich, obwohl das ja weniger meine Gründe waren. Ich werde aber auch nicht mehr so scharf urteilen, wenn einer seine Einstellung nicht so genau nimmt. Sondern wirklich erst einmal ein bißchen nach den Ursachen suchen und diese beseitigen, nicht gleich in seine Insulineinstellung mich einmischen. Komisch, daß man erst im Nachhinein so ins Grübeln kommt. Aber besser spät als nie.

Um diese Bilanz abzuschließen.

Wenn man vernünftig informiert ist, kann man sehr wohl seine Einstellung selber machen. Die "Prophezeihungen" des ersten Arztes werden wohl hoffentlich nie eintreten. Was ich auch erfahren habe ist, daß man mitunter lange suchen muß, um einen vernünftigen Arzt zu finden. Aber das geht ja nicht nur beim Hausarzt so, auch beim Zahnarzt, Frauenarzt, Augenarzt etc. muß man jemanden finden, dem man vertraut, und den man respektieren kann bzw. der einen auch respektiert und nicht über einen hinweg entscheidet.

Desweiteren hoffe ich, daß ich weiter meine positiven Erfahrungen mache, wenn es darum geht, anderen zu erklären, was ich da für ein Tamagotschi habe :-) ( Mein Musiklehrer meinte einmal in einer Stunde wo irgendeine Fehlermeldung piepste, "Sabrina bitte, packen Sie ihr Tamagotschi weg" , er glaubt bis heute, daß es eines ist.) und diese Anderen einen nicht wie Aussätzige behandeln.


S.Sch.

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