
Als ich 1985 nach meiner Erstmanifestation aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war ich mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Irgendwie konnte ich nun nicht mehr sagen, ich sei gesund. Krank fühlte ich mich allerdings auch nicht. Komisch...
Was die Therapie anging, das hatte ich im Krankenhaus während einer ersten (und ziemlich oberflächlichen) Schulung gelernt, lag sehr viel in meinen Händen. Allerdings sollte auch viel am Arzt liegen.
Bei meinem nächsten Arztbesuch gestand mir mein Hausarzt, daß er leider keine Ahnung von Typ I Diabetes hat, (Bisher war er wohl hauptsächlich die Altersdiabetiker gewohnt) aber er wolle sich mal kundig machen. (Intensivierte Therapie, Basis-Bolus-Prinzip - für ihn
böhmische Dörfer.) Er blätterte dann auch ziemlich lustlos in meinem Tagebuch (damals gab es noch diese tollen Tabellen von Novo), fand den einen Wert "schön", den anderen "nicht so gut", und ich dachte nur: Na toll !
Ich beschloß daraufhin, mir einen Internisten zu suchen, da ich mir hier mehr Wissen erhoffte.
Dieser fromme Wunsch ging leider nicht in Erfüllung, denn der erste Internist, den ich aufsuchte, bat mich, in der Folgezeit einmal monatlich in seinen geheiligten Hallen zu erscheinen, um mir Blut abnehmen zu lassen. "Ich möge dabei doch bitte nüchtern sein."
Auf meine erstaunte Nachfrage nach dem Warum reagierte er leicht unwirsch mit der Erklärung, er müsse doch meine Einstellung beurteilen können (wohlgemerkt: durch einen Nüchtern-BZ pro Monat).
Ich fragte ihn nur noch, ob er mir auch sagen könne, wie denn ein Film wohl zu bewerten sei, wenn ich ihm ein Foto daraus zeige. Ich ging von dannen (und in mich). Die Sprechstundenhilfen hielten mich für ziemlich arrogant, daß ich mir anmaßte, mehr als ihr halbgöttlicher Chef zu wissen...
Ich beschloß, daß es das Beste sei, mein eigener Fachmann zu werden. In den nächsten Wochen und Monaten las ich alles, was es zu diesem Thema zu lesen gab (auch Literatur für Mediziner - mit einem medizinischen Wörterbuch (Pschyrembl) links neben mir und rechts neben mir einem Wörterbuch, was mir die Wörter aus dem medizinischen Wörterbuch zu übersetzen half...).
So langsam begann ich einen Überblick zu entwickeln und auch ein paar Zusammenhänge zu verstehen, was mir in der Folgezeit bei diversen Ärzten den Ruf des rebellischen Patienten einbrachte.
Dank fleißiger Lektüre des Insuliners gelang es mir dann auch recht bald, die für mich fälligen Kontrolluntersuchungen herauszuarbeiten. Dieses neue Wissen verklickerte ich in einer halbstündigen Debatte meinem nächsten Hausarzt, der zunächst nicht so recht einsehen wollte, welchen Sinn denn eine vierteljährliche HbA1-Kontrolle machen sollte, wenn man sich ohnehin mehrmals täglich testet.
Als ich ihn auch noch bat, mir Keto-Tests zu verschreiben und gar Glucagon, war es um seine Beherrschung bald völlig vorbei. Diese Entscheidungen sollte ich doch besser einem Fachmann überlassen, ich solle mich lieber um meine Messungen kümmern, dann bräuchte ich auch keine Ketontester.
Heute fällt mir erst auf, daß dieser Fachmann sich eigentlich nie mal die Mühe gemacht hat, nach meinen Tagebüchern zu fragen. Vermutlich auch ein Grund, weshalb diese so nach und nach auch bei mir in Vergessenheit geriet. Ich kannte ja meine Werte, und für wen
sollte ich die denn bitte schön notieren ?
Man mag jetzt sagen: "Na für dich, Mensch".
Aber im jugendlichen Überschwang gedenkt man noch nicht der Vergeßlichkeit des Alters (oder der vielen hunderten von Eintragungen), geschweige denn, daß man die mal wieder brauchen könnte.
Meine Einstichstellen haben allerdings in dieser Zeit auch lediglich mit meinem Augenmerk zurechtkommen müssen, da kein ärztliches Auge sie je erblickte. Was die meisten interessierte war mein Nüchtern-BZ in der Praxis (einmal im Monat Blut, warum auch nicht, man gibt ja gerne), und ich ließ es dann auch dabei bewenden. Irgendwann wird man der ewigen Auseinandersetzungen auch mal müde.
Langsam aber sicher verlor ich dann auch noch den letzten Rest von Interesse an meinem Diabetes. War das eigentlich meiner ? ICH wollte den ja nicht, soll er doch sehen, wo er bleibt. Fühlt man sich mies, dann gibt man sich mal eben 20 Einheiten. Und wenn die nicht reichen, dann eben noch mal 20. Hupps, zuviel, aber da kann man ja guten Gewissens mal eine kleine Marzipan-Spontanorgie starten. Schließlich isses ja für den Hypo, und weil man weiß, daß es zu viele BEs sind, gibt man halt noch ein Häppchen Insulin dazu. Okay, okay, war ´n bißchen viel, dann lassen wir mal die Basis für ein paar Tage weg... usw. usw. usw.
So gingen die Jahre ins Land und ich wurde immer verdrießlicher. Mein Vertrauen in die Ärzteschaft sank direkt proportional mit meiner Bereitschaft, meinen Diabetes im Zaum zu halten.
Bis ich dann nach durchzechter Nacht dem Wahn verfiel, auf dem zweiten Bildungsweg Krankenpflegel werden zu wollen. Erste Erkundungen beim Arbeitsamt hinsichtlich Diabetes ergaben nicht so SEHR viel. Sprüche mußte ich mir anhören wie:
Ein potentieller Arbeitgeber meinte, es sei kein Problem, wenn ich gut eingestellt sei. Aber was um alles in der Welt sei denn eine intensivierte Therapie ?
Naja, ich hatte also wieder allen Grund, mich um meinen Begleiter, als den ich ihn heute sehe, zu kümmern. In drei Monaten, in denen ich manchmal bis zu 10 mal täglich gemessen hatte, schaffte ich dann auch eine wirklich gute Neueinstellung. Ich muß allerdings trotzdem seit dieser Zeit täglich mit einem Dawn-Phänomen kämpfen.
An dem Krankenhaus, an dem ich dann allen Unkenrufen zum Trotz tatsächlich meine Ausbildung antrat, machte ich die Bekanntschaft des ersten Arztes in meiner "Karriere", der tatsächlich meine Sorgen und Nöte verstand, und der noch mehr über meine Krankheit wußte als ich (dabei war er selbst quietschgesund...). Und er wollte mir auch seine Meinung nicht mit Gewalt aufdrängen, sondern gab mir Argumente an die Hand, die mich zum Nachdenken zwangen.
Ich lernte Dinge wie:
"Was nützt die beste Einstellung, wenn man mit seinem Alltag nicht mehr zufrieden ist"
oder: "Na und ? Morgen ist auch noch ein Tag."
Eben die Tatsache, daß man einen guten Wert nicht ERZWINGEN soll, weil man sonst bei einem schlechten Wert ein "schlechtes Gewissen" bekommt, worunter zuerst die Motivation und letztendlich die Einstellung ZUM und DES Diabetes leidet. Oder wie wichtig ein vernünftiger Cholesterinspiegel ist.
Als ich das nächste mal meinen derzeitigen HA aufsuchte (seines Zeichens Internist) und dies neuerworbene Wissen an den Mann bringen wollte, tat sich aber dergleiche Abgrund auf, wie all die Jahre vorher: "Häääh ?"
Naja, ich wollte ohnehin eine erneute Untersuchung meines Blutes, und dazu ließ er sich zähneknirschend überreden. Mittlerweile durch meine Ausbildung etwas schlauer geworden, wollte ich nach ein paar Tagen nach dem Ergebnis fragen.
Die Sprechstundenhilfe nahm sich des Laborberichtes an, und sagte mir, ich müsse mir keine Sorgen machen, es sei alles in Ordnung. Lediglich ein wenig blutarm wäre ich.
Diesem Phänomen auf die Spur gehen wollend (schließlich hatte ich nie irgendwelche Symptome einer Anämie gezeigt) bat ich sie, mir den Bericht doch einmal zu zeigen. Ich hatte wohl ein Sakrileg geäußert, denn sie meinte entsetzt, das dürfe nur der Doktor sehen. Ich konnte sie aber überzeugen, und las einen HB von 152 ab. Ich bat sie natürlich, mir doch blutarm einmal zu definieren, aber das folgende Gestammel schenke ich mir hier einmal.
Ich wechselte also wieder einmal den Hausarzt, und traf die Frau meiner Träume (rein medizinisch gesprochen). Meine jetzige Hausärztin ist nämlich tatsächlich in der Lage, meine Erfahrung als Diabetiker einerseits, und mein medizinisches Wissen als Krankenpfleger andererseits zu akzeptieren und zu unser beider Wohl anzuwenden.
Wenn ich mal mit einem Wehwehchen zu ihr gehe, dann hört sie sich immer zuerst meine Verdachtsdiagnose an, die wird dann bestätigt oder widerlegt, und wir reden gemeinsam darüber, welche Therapie nun für mich in Frage kommt. Einwände von mir (z.B. gegen bestimmte Medikament wie etwa Mucosolvan-Tropfen, Bäh !) werden berücksichtigt, und es wird nach einer brauchbaren Alternative gesucht. Da sie auch homöopathisch behandelt, habe ich sogar die Wahl zwischen pflanzlichen Präparaten und der "chemischen" Keule. Bei jedem Medikament wird erst überlegt, ob das auch für einen Diabetiker in Frage kommt, meine Untersuchungen melde ich selber an, die bekomme ich auch ohne "Wenn" und "Aber", und wenn es mal Probleme mit vereinzelten Werten gibt, dann schickt sie mich zu meinem Diabetologen: "Der Kollege hat ja nunmal ein bißchen mehr Ahnung als ich."
DAS ist das Arzt-Patienten-Verhältnis, nach dem ich jahrelang gesucht hatte.
Allerdings... jetzt habe ich ein neues Problem. Meine Ärztin stimmt, nur...: wo ist meine Motivation abgeblieben? Ich habe viel davon eingebüßt, bin bequem geworden, spritze meistens Pi mal Daumen, messe so gut wie nie...
Bis ich dann in Internet auf die Newsgroup de.sci.medizin.diabetes stieß. Und dort dann merkte, daß ich nicht der einzige bin, dem das so geht. Jetzt geht es wieder bergauf mit meiner Motivation.
Sicher, wir kämpfen noch, mein innerer Schweinehund und ich, und (noch) zu oft gewinnt er.
Aber das ist ein anderes Problem, über das ich noch berichten werde.