

"Marathon des Sables":
Herbert Hausmann vom DiabetesTeam befreit in einer
Pause seine Schuhe von unnötigem Ballast.
Dann lege mal los. "Wir können das Bier auch ein andermal trinken!" Ich hatte meinem Vater zu seiner 60. Geburtstagsfeier abgesagt.
Im Vorjahr stand ich an seinem Geburtstag bei Minusgraden mit Eisperlen an den Augenbrauen neben dem Gipfelkreuz des Großglockners und heuer dachte ich bei 62°C Mittagshitze in der Sahara an ihn.
In der marokkanischen Oasenstadt Quarzazate trafen sich 496 Ultramarathonläufer aus 28 Nationen.
In 6 Etappen (24, 37, 36, 76, 42 und 14 km) wurden zwischen dem 29. März und 4. April 1998 insgesamt 229 Kilometer zu Fuß durch die Sand- und Steinwüste zurückgelegt. Seit 1986 testen Langstreckenläufer bei einer der härtesten Veranstaltungen dieser Art ihr Durchhaltevermögen in der Sahara. Jeder 8. Teilnehmer war eine Frau. Unter ihnen sind Weltrekordhalterinnen und Trägerinnen des Deutschen Meistertitels.
Obwohl bei 5.000 DM Stargeld die Entscheidung zur Aufgabe sehr schwer fällt, erreichten in diesem Jahr 64 Teilnehmer leider nicht das Ziel. Die Ursache für das Scheitern der Extremsportler waren vor allem Kreislaufprobleme und bis zu handtellergroße wassergefüllte Blasen. Keine/r wurde von den schmerzenden Blasen an den Füßen und auf dem Rücken verschont.
Die gesamte Ausrüstung mußte im Rucksack während des Laufes getragen werden. Die meisten der Sportler hatten 7-8 kg Pflichtausrüstung fachkundig auf dem Rücken plaziert. Es waren nicht nur der Schlafsack und die Wechselkleidung für die sternenklaren Nächte, die die Läufer behinderten. Auch die gesamte Nahrung, sowie die wichtigen Salztabletten und ein Kompaß gehörten zur Standardausstattung.
Für Notfälle waren zusätzlich eine schwere Leuchtrakete, eine dünne Notdecke, ein Schlangenbißset und eine Signalpfeife vorgeschrieben.
Nur das Mineralwasser, das an jeder Kontrollstation den Läufern beim obligatorischen medizinischen Kurzscheck überreicht wurde, mußte nicht über die gesamte Tagesetappe mitgeschleppt werden. Insgesamt wurden 65 Liter marokkanisches Mineralwasser an jeden Läufer verteilt. Für die Übernachtungen standen nach jeder Etappe vonfreundlichen Berbern aufgebaute Zelte bereit.

"Sahara":
Hitze, Sturm, Durst und Sand - viel Sand, so weit das Auge reicht.
Nur in der Hölle ist es wahrscheinlich noch unerträglicher. Und
dennoch zieht es um Ostern seit Jahren immer wieder Menschen
in diese unwirtliche Gegend.
In den Nächten konnte die beanspruchte Muskulatur auf den ausgebreiteten dünnen Teppichen nur unzureichend regenerieren. Neben den extrem hohen Temperaturen am Tag (bis 62°C) und relativ niedrigen Graden (8 - 10°C) in den Nächten, verlangte hauptsächlich der aufgewirbelte feine Sand und die vielen spitzen Steine ein hohes Durchhaltevermögen.
Bei der vollkommen klaren Luft reichte der Blick unendlich weit. Schon viele Kilometer vor dem Ziel waren die Zelte zu sehen. Beim Laufen nahm man bei der Anspannung die Müdigkeit kaum wahr. Ich schaute auf den Boden, dachte an meine Freundin Birgit und ihren Abschiedssatz: "Du schaffst es und komme bitte gesund zurück!" und dosierte das Tempo. Nur alle 5 Minuten orientierte ich mich kurz an den immer noch nicht näher gerückten Helikoptern, die für alle Fälle neben dem Zieltor bereitstanden.
Das Road-Book beschreibt die Terrainverhältnisse der längsten Etappe kurz und prägnant: steinig, sandig, unebener Grund und Sanddünen, fester Sand, unebenes trockenes Flußbett, Piste mit feinem Sand! Nach 69 Kilometern lagen nur noch 7.000 Meter zwischen mir und dem Ziel. Die Sonne verabschiedete sich schnell rotglühend hinter einer Bergsilhouette und ebenso schnell veränderten sich die Laufbedingungen. Ein kurzer Blick auf den Kompaß zeigte mir die Laufrichtung. Während ich weiterrannte nahm ich erlöst die Schirmmütze und die Sonnenbrille ab.
Nach vielen unvergessenen Eindrücken und nach 11 Stunden Laufzeit erreichte ich das Etappenziel. Am letzten Tag war ich im Zielort Rissani von den bewegten Szenen gefesselt. Als schnellster von 32 deutschen Teilnehmern/innen belegte ich den 63. Rang in
der Gesamtwertung. Das "Diabetic Desert Team" konnte bei diesem Sportereignis eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit von Diabetikern beweisen. Für uns unerwartet, wurde der Coca-Cola-Sonderpreis für "Besondere Leistungen" an unser Diabetiker-Team überreicht.
Im Ziel lagen wir uns in den Armen. Diese extremen Anstrengungen machen das Leben intensiv. Es wurde uns wieder einmal bewußt, wie wichtig solche Leistungen sind. Es wird ein starkes Lebensgefühl erzeugt, auf das wir in schwachen Augenblicken zurückgreifen können. Wir sind Typ1-Diabetiker/innen, die mit dem Sport, als ein wichtiges Element im "Diabetikerleben" seit vielen Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Elke (27 Jahre, seit 4 Jahren Diabetikerin) schwimmt 25 km am Stück und taucht gerne an schönen Stränden, während Herbert (50 Jahre, seit 36 Jahren Diabetiker) an fast allen interessanten Marathon-Events in der Welt teilgenommen hat. Für Ulrike (34 Jahre, seit 13 Jahren Diabetikerin) war der Wüstenlauf ein weiteres Abenteuer in ariden Gebieten. Mit dem Fahrrad fuhr sie schon vor einigen Jahren (durstig) quer durch Australien. Hans-Jürgen (49 Jahre, seit 22 Jahren Diabetiker) und ich (36 Jahre, seit 29 Jahren Diabetiker) sind mit dem Sport zu vielen interessanten Punkten auf der Erde gekommen. Als Mitarbeiter bei der Polizei und im Sicherheitsdienst waren bei Hans-Jürgen die Grundsteine für den sportlichen Erfolg gelegt, während ich als Ausgleich zum beruflichen Alltag hohe Gipfel bestieg und abenteuerliche Trekkingtouren erlebte.

Das "Diabetic Desert Team":
Nachbemerkung:
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