diabeticus Bücherliste
Bücher über Diabetes findest Du hier!

Jugend mit Diabetes

Diabetes ist nicht nur der Kampf gegen einen zu hohen Blutzuckerspiegel, sondern es ist genauso ein Kampf gegen einen zu niedrigen Blutzuckerspiegel. Daher sollte man keinem Typ 1 Diabetiker erzählen, daß er keine Süßigkeiten oder keinen Zucker essen darf. Für Diabetiker ist Zucker genauso lebenswichtig wie Insulin.

Ich bin 19 Jahre alt und bin seit 5 Jahren Diabetiker. Anfangs hörte ich von allen Seiten, daß ich ab nun keine Süßigkeiten mehr essen dürfte und Diät leben müßte. Das ist auch heute noch ein sehr weitverbreiteter Irrtum. Ich esse mehr Süßigkeiten, wie alle meine Freunde und auch mehr Süßigkeiten, wie früher, als ich noch gesund war. Das verstehen die Leute oft nicht und gucken meistens blöd. Als Typ 1 Diabetiker kann und darf man alles essen, nur muß man darauf achten, wann man zuckerhaltige Sachen zu sich nimmt. Ein Diabetiker lernt sich und seine Körpersymptome viel besser kennen, wie ein gesunder Mensch. Ich teste seit über einem Jahr meinen Blutzuckerspiegel nur noch zwei mal am Tag - zugegeben, einerseits aus Faulheit - aber ich weiß eigentlich zu jeder Tageszeit ziemlich genau wie hoch oder wie niedrig mein Blutzuckerspiegel ist und das, so meine ich, mit einer Genauigkeit von ungefähr 50 mg/dl.

Genauso unsinning ist es meiner Ansicht nach, jedes Gramm Kohlenhydrat vor dem Essen abzuwiegen. Ich bin im Krankenhaus, kurz nach meiner Diagnose vor fünf Jahren, auf 20 BE pro Tag (!) eingestellt worden. Dazu sollte ich für 1 BE, 1Einheit Normalinsulin spritzen. Schon nach zwei Monaten spätestens, war diese Vorgabe hinfällig. Heute spritze und esse ich mindestens das Doppelte, wenn nicht sogar das Dreifache am Tag (wobei ich kein Überwicht habe). Die Blutzuckerschwankungen sind von so vielen Dingen abhängig, beispielsweise in der Pubertät von der Hormonausschüttung, daß man das bei einer Einstellung des Blutzuckerspiegels alles gar nicht mehr berücksichtigen kann und das ganz bestimmt nicht über Monate hinweg mit immer dem gleichen Tagesablauf oder der gleichen BE -und Insulinmenge einstellen oder steuern kann. Vielmehr sollte man bei der Ersteinstellung des Blutzuckers den Patienten schulen und ihm die Einstellung weitestgehend selbst überlassen, denn das muß er ja über Jahrzehnte hinweg auch selber später einmal können. Ich mußte im Krankenhaus jeden Morgen mit einem Hometrainer-Fahrrad 15 Minuten lang fahren, was meinen damaligen Schulweg simulieren sollte - den Rest des Tages allerdings, lag ich auf meinem Bett im Zimmer und habe gelesen oder etwas ähnliches getan.

Natürlich muß man bei der Ersteinstellung ersteinmal den Blutzucker für die ersten Tage und Wochen einstellen, aber ohne eine umfassende Schulung und damit meine ich nicht etwa eine Schulung, wie ich sie damals erfahren habe, in der mir gelehrt wurde wieviel BE eine Banane hat (das kann man auch in jeder Lebensmitteltabelle selbst ablesen), sondern eine Schulung, die einem genau aufzeigt, wovon die Blutzuckerschwankungen abhängig sind und wie man damit umgehen muß. Ein gutes Beispiel ist der Spritz-Ess-Abstand, den man immer vor dem Essen einhalten muß. Da wurde mir erklärt, der sollte immer so bei einer Viertel- bis einer halben Stunde liegen. Auch das ist meiner Meinung nach Unsinn. Der Spritz-Ess-Abstand muß individuell vom Stand des Blutzuckerspiegels eingehalten werden. Wenn ich beispielsweise bei einem Blutzuckerspiegel mittags von 55 mg/dl, 8 Einheiten Normalinsulin spritze, kann ich schon nach 10 Minuten in eine Unterzuckerung geraten, die nicht mit dem an dem Tag anstehendem Mittagessen, nämlich Spaghetti, bekämpfen kann, weil diese ja bekanntlich erst sehr spät oder zumindest verzögert auf meinen Blutzuckerspiegel einfluß nehmen. Bei einem Blutzuckerspiegel von 320 mg/dl muß ich den Spritz-Ess-Abstand natürlich sehr vergrößern. Ich halte bei soeinem hohen Blutzuckerspiegel einen Spritz-Ess-Abstand von mindestens 1 Stunde ein, wobei ich natürlich auch deutlich mehr Insulin spritze.

Das größte Problem aber, was wir Diabetiker haben ist, daß die Öffentlichkeit diese Krankheit überhaupt nicht richtig kennt. Die meisten Leute kennen nur irgendwelche Vorurteile, die nicht unbedingt grundlegend falsch sind, die aber in den Köpfen der Menschen falsch verstanden werden. Beispielsweise fragte mich neulich jemand: "Sind es nicht hauptsächlich Diabetiker, die später einmal an die Dialyse kommen?" Die Aufklärung auch über Zeitungen und Fernsehen müßte nicht unbedingt größer, sondern vielmehr besser werden. Daß es z.B. zwei Typen von Diabetes gibt, welche meiner Meinung nach zwei völlig verschiedene Krankheiten sind, weiß eigentlich kaum jemand. Wenn ich Leuten erzähle und auch versuche zu erklären, warum ich Süßigkeiten essen darf, ja sogar manchmal muß, verstehen die das nicht, sind sich sogar oftmals sicher, daß sie recht haben und nicht ich. Da könnte ich mich unendlich lange drüber aufregen, da die Leute meinen, daß Diabetes vom Grunde her eine ganz einfach zu verstehende Krankheit ist. Ich meine, daß Diabetis eine ganz komplizierte Krankheit ist und das ein Nichtdiabetiker die ganze Problematik kaum verstehen kann. Das meine Einstellung nicht so ganz falsch sein kann, haben mir übrigens meine letzten Hba 1c - Werte bestätigt. Ich blicke positiv in die Zukunft und weiß, daß ich mit meiner Krankheit sehr gut zurechtkomme, und daß sie, so komisch es auch klingen mag, mir nicht nur im Leben geschadet, sondern auch oft geholfen hat.


HH, April 1997

(c) Dieser Text ist durch das Urheberrecht geschützt