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Fünfzig Jahre zuckerkrank!

Jubiläumsansprache an die vereinigten Diabetiker
und alle jene, die es noch werden (können).

„Fünfzig Jahre zuckerkrank!“ Ein nicht alltägliches Ereignis! Sonst rede ich ja lieber nicht von mir, aber heute kann ich nicht anders. Wie ich es auch drehe und wende, es läuft immer wieder darauf hinaus - wie einen Trompetenstoß schmettert diese Begebenheit ihr epochales Leitmotiv in die Welt:
„Fünfzig Jahre zuckerkrank!“

Allgemeines

Wenn mancher bei bester Gesundheit fünfzig Jahre alt wird und dann so tut, als ob es deswegen etwas zu feiern gäbe, da kann ich nur sagen: „Na, auch schon was!“ Alter ist kein Verdienst.

Aber schon in der Schule von einer ohnehin nur beschränkten Lebenserwartung hören zu müssen, von Mitschülern zu Wetten herausgefordert zu werden, daß man das Jahr 2000 nicht erleben wird, und diese Wette justament zu gewinnen - das ist ein Triumph!!

Bei näherer Betrachtung - auch im Hinblick auf weltgeschichtliche Ereignisse - erscheinen fünfzig Jahre ein praktikabler Zeitraum, welcher ohne große Schwierigkeiten von der Erinnerung umfaßt wird. Dieser Zeitraum zum Beispiel viermal aneinander gereiht führt uns in das Jahr 1800 zurück und damit an den Beginn des Biedermeier, in die Zeit Franz Schuberts. Damals nahm der juvenile Diabetes noch einen recht bedenklichen Verlauf.

Manifestation

Die Krankheit setzte bei mir im siebenten Lebensjahr ein, in der ersten Klasse Volksschule, gerade vor Beginn der großen Ferien. Bevor die Kinderärztin Diabetes feststellte, hatte ich ungeheuren Durst und kaum noch Appetit. Also machte mir meine Großmutter wiederholt „Zucker-Eili“ (Eidotter mit Zucker verrührt), weil das damals eine meiner Lieblingsspeisen gewesen ist. Leider entsprach die Wirkung dieser Kur keineswegs den Erwartungen.

Da ich immer ein verwöhntes und verhätscheltes Kind war und mich unbewußt heute noch bemühe, diesen Status aufrecht zu erhalten, gefiel es mir auch damals schon, mich genüßlich in ein früheres, kindlicheres Dasein zurückfallen zu lassen. Einerseits fühlte ich mich als angehender Schulbub und Erstklässler über derlei Kleinkindergerichte erhaben, andererseits mundete mir die süße Speise und ihre sämige Konsistenz.

Interim
Nichts desto weniger waren die Kochkünste meiner Oma bewundernswert. Irgendwie war sie ein Phänomen: Mindestrentnerin, aber immer und jederzeit in der Lage, überraschende Gäste zu bewirten. In ihrer Jugend war sie Köchin bei einer Familie in Triest und in Pula. Ihre Rezepte hatten deshalb eine mediterrane Note. Das Wunderbare war, daß sie aus einfachsten Grundnahrungsmitteln die wohlschmeckendsten Gerichte zustande brachte.
Wenn ich an ihre Karfiolsuppe denke! Oder die Einlagen für die Rindsuppe, zum Beispiel geriebene Gersteln! Die Suppennudeln machte sie meist selbst.
Sobald sie einen Kartoffelteig verwendete, beispielsweise für gut daumendicke Erdäpfelnudeln als Beilage zu einem im Rohr gebratenen Hendl, machte sie mir vorher als Kostprobe ein Tatscherl auf der heißen Herdplatte des dazumal natürlich noch mit Holz und Kohle geheizten Ofens.
Die einfachsten Gerichte, wie ihr Kohlgemüse, gelangen scheinbar immer perfekt und unvergleichlich. Aber nie mehr seit damals habe ich eine Erdäpfelsauce gegessen, wie sie meine Oma zubereiten konnte! Wenn ich mir heute in meiner Phantasie etwas besonders Gutes und Wohlschmeckendes ausmale, dann ist es kein Filetsteak mit Cognac-Sauce und Kräuterbutter aus dem Fünf-Hauben-Restaurant, sondern ich denke an die Erdäpfelsauce meiner Oma!

Nun, die Zucker-Eili waren leider nicht das Richtige für den noch unerkannten Diabetiker. Der Durst wurde immer ärger. Er legte sich auch nicht, als die Kinderärztin Diabetes feststellte und mich ins Krankenhaus schickte. Ich erhielt nämlich zuvor - sozusagen als Henkersmahlzeit - noch ein Paar Würstel und ein „rotes Kracherl“ im Augustiner-Bräustüb´l, das vor den Toren des Salzburger Landeskrankenhauses liegt. Dann aber begann der Ernst des (Zuckerkranken-)Lebens.

Die erste Einstellung

Das Krankenhaus-Dasein war mir im höchsten Grade unangenehm, denn ich hatte furchtbares Heimweh. Wenn ich aus den Fenstern blickte, konnte ich das Haus sehen, in dem ich wohnte. Diese gleichzeitige Nähe und Unerreichbarkeit steigerte meine Sehnsucht nach daheim ins Unermeßliche. Außerdem setzten mir Ärzte, Schwestern und medizinisch-technische Assistentinnen mit Insulinspritzen und Blutzuckeruntersuchungen zu.

Die Spritzen waren damals noch aus Metall und Glas, sie mußten vor Gebrauch „ausgekocht“ werden, um sie zu sterilisieren. Die Alkohol-Swabs bestanden aus einer Packung Watte und einer Flasche mit 70%-igem Alkohol. Das Ganze passierte fünf, sechs Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs.

Meine Mutter war sehr besorgt, ob sie die Kunst des Insulinspritzens erlernen würde. Sie war dementsprechend nervös und vollführte, als sie mir (vor den sachkundigen Lehrschwestern) die erste Injektion geben sollte, allerlei schwungholende Bewegungen, die aber zu keinem Ergebnis führten. Als es mir zuviel wurde, rief ich: „Stich nur hinein, damit wir endlich heimkommen!“ Und so entrann ich dem ungeliebten Spitalsaufenthalt.

Der erste Hypo

Bereits in den folgenden Ferien erlebte ich im Tiroler Zillertal meinen ersten richtigen Unterzucker. Damals war es üblich, den Diabetiker genau einzustellen, also die Insulinmenge, die Essenszeiten und die Menge der Kohlehydrate sehr genau festzulegen. Bei vieler Bewegung in frischer Luft hält sich der menschliche Körper aber nicht an die Verbrennungswerte, die ihm im Krankenhausbett zuerkannt werden. Also geschah es, daß meine Eltern, welche mit Onkel und Tante gemütlich beisammen saßen, durch ein mörderisches Geschrei aufgeschreckt wurden, welches - wie sich sogleich herausstellte - ich ausstieß.

Davon weiß ich aus eigener Erfahrung allerdings nichts, denn ich war ohnmächtig. Erst nachdem der Arzt gerufen ward und mir Zuckerwasser einflößte, wobei ich ihn in die Hand biß, wurde mir besser und ich kam wieder zu mir. Dann aber ereignete sich etwas Außergewöhnliches: ich sollte mit der Rettung ins Krankenhaus Schwaz fahren, um eine genaue Zuckeruntersuchung vornehmen zu lassen. Da das Zuckerwasser bereits seine Wirkung getan hatte, genoß ich die Fahrt, welche in flottem Tempo unter Einsatz des Martinshorns mit „Tatü, Tata“ vor sich ging und ich ermunterte die Rettungsmänner, noch stärker zu blasen. Diese gerieten über mein Ansinnen in Bedenklichkeit und schienen sich zu fragen, ob der Zweck ihres Ausrückens solche Mittel heilige.

Auch meine Mutter versagte mir ihre Unterstützung in dieser Angelegenheit. Sie war schon sehr in Verlegenheit geraten, als ich den Arzt biß. Schließlich hatte sie noch überhaupt keine Erfahrungen mit Unterzuckerung und vermeinte, ich sei womöglich tollwütig geworden.

Weitere Erfahrungen

Nun, im Laufe der Jahre ereilten mich noch viele Hypoglykämien und auch deren Gegenteil. Ich erinnere mich, daß ich mit gemessenen Werten von 612 mg/dl ohne weiteres in die Schule ging und weiß noch, daß ich umgekehrt beim Schwammerlsuchen im Wald manchmal ganze Weißbrotstrutzen aufaß, ohne in Besorgnis geraten zu müssen.

Besorgnis ist überhaupt etwas, das Kinder und Jugendliche kaum bedrückt. Im Nachhinein kommt es mir vor, daß ich die gesundheitlich sehr extremen Situationen hauptsächlich darum so gut überstand, weil ich dem Gedanken „krank zu sein“ gar keinen Raum gab. Ich möchte das zwar nicht als Rezept empfehlen, denn ein bewußter und vernünftiger Umgang mit der eigenen Krankheit ist ganz sicher notwendig. Aber Menschen, die an nichts anderes, als an ihre Krankheit denken, sind erst recht einer großen psychischen Belastung ausgesetzt.

Im Laufe der Jahre gewöhnte ich mich auch an den Gedanken, ab und zu zur Einstellung ins Krankenhaus gehen zu müssen. Heute ist das längst nicht mehr modern, da die Diabetes-Einstellung besser unter den gewohnten Lebensumständen - also zu Hause - stattfindet, aber damals war es eben so üblich.

Lebensweisheiten

Der wohl merkwürdigste Krankenhausaufenthalt fand in meinem vierzehnten Lebensjahr in Wien statt. Dort verbrachte ich etwa drei Wochen bei bestem Wohlbefinden. Und das kam so:
Unter den Patienten fand sich ein gleichaltriger Knabe. Wir waren einerseits zu allerhand Schabernack aufgelegt, begriffen aber andererseits bereits, daß man sich im Leben nur etwas spendieren kann, wenn man etwas besitzt oder, wie in unserem Fall, wenn man sich etwas dazu verdient. Für unser Jungunternehmertum bot sich im Spitalsgelände eine ideale Gelegenheit auf den anstaltseigenen Tennisplätzen. Dort spielten am Vormittag die Ärzte und wir sammelten die Tennisbälle auf, wofür wir sehr großzügig entlohnt wurden.

Nun darf das Leben - wie jedermann weiß - nicht nur aus Arbeit und Geldverdienen bestehen. Der gewissenhafte Jüngling macht sich auch Gedanken, wofür er sich abplagt. Einteilung ist das halbe Leben. Also verwendeten wir die Vormittage zum Erwerb des notwendigen Kapitals, nahmen das Mittagsmahl im Kreise der ihre Krankheiten bejammernden Mitpatienten ein und verließen danach unauffällig und still den Ort der Krankheitspflege, um uns im Wiener Wurstelprater auf das Trefflichste zu unterhalten. Dies war uns insofern sehr leicht möglich, als glücklicherweise eine Reihe von prächtigen Sommertagen unser Vorhaben begünstigte und wir in unseren Privatkleidern dem Portier weiters nicht auffielen. Allerdings erinnere ich mich, daß mir beim Zurückkommen um fünf oder halb sechs Uhr oft das Herz in die Hose fiel, wenn wir uns am Pförtner in der Spital- oder der Lazarettgasse vorbei schwindelten.

Ein besonderer Bildungseffekt bestand für mich darin, das Wiener Lokalkolorit kennenzulernen. Mein Freund zeigte mir, wie man auf die Straßenbahnwagen, die damals noch offene Plattformen besaßen, aufspringen konnte. „Happ ma auf!“ rief er. Schon war der Fünfer oder die E2 erklommen und Hui kehrten wir dem Krankenhaus den Rücken. Unsere Gedanken und Gespräche wendeten sich euphorisch den zu erwartenden Belustigungen zu, worunter die Go-Kart-Bahn bei uns beiden als das Non plus ultra galt. Die unbändige Freiheit, gesteigert durch das latent vorhandene Bewußtsein des Verbotenen, hob unser Lebensgefühl in schwindelnde Höhen.

So und nur so konnte sich auch ein überaus günstiger Therapieerfolg einstellen. Ich denke, daß wir zu den Pionieren der Diabetologie gezählt werden sollten, da wir sicher bei den ersten waren, die eine Diabetesumstellung unter Alltagsbedingungen, ja sogar unter erheblicher Streßbelastung, verschärft durch Geschwindigkeitsrausch und Freudentaumel, aktiv praktizierten. Na, wir waren halt Lausbuben!

Berufliches

Im Berufsleben ist mir der Diabetes eigentlich nie richtig hinderlich geworden. Es gab auch Jahre, in denen ich unheimlich viel unterwegs sein mußte, beispielsweise Anfang der Neunziger. Ich hatte damals als Versicherungsmakler eine besonders ausgefallene Sparte aufzubauen und betreute international tätige Opernsänger, welche den drohenden Verlust ihrer freiberuflichen Gagen im Falle von Krankheit oder Unfall versichern wollten. Das war und ist auch heute noch eine sehr interessante Tätigkeit, bei der es in erster Linie darauf ankommt, zuverlässige Versicherer zu finden, welche auch imstande und willens sind, einer so komplizierten Gefahrengemeinschaft lange Jahre die Treue zu halten.

Manche dieser SängerInnen sind schon nicht mehr am Leben: Günter Reich, Hermann Prey, Lucia Popp. Mit welcher Stärke und Zuversicht hat Lucia Popp ihre schwere Krankheit getragen. Niemand, nicht einmal ihre engsten Kolleginnen und Kollegen, wußten von der Erkrankung. Selbst zwischen uns, obwohl ich natürlich aus beruflichen Gründen informiert war, herrschte ein unausgesprochenes Einverständnis, die Gefahr nicht zur Kenntnis zu nehmen. Vielleicht zehn Tage vor ihrem auch für mich überraschenden Tod rief sie mich aus dem Münchener Krankenhaus an und wir unterhielten uns lange und angeregt, unter anderem über Diabetes. Bis mir auffiel: „Es ist doch sonderbar – Sie liegen im Krankenhaus und über meine Krankheit reden wir?!“ – „Ja“, sagte sie strahlend, „aber ich komme wieder heraus!“

Die erwähnte Reisetätigkeit artete ab 1989 zu einer Art Jet-Set aus. Es gab Tage, da frühstückte ich in Salzburg, hatte ein Arbeitsessen in Zürich und nahm das Abendmahl zusammen mit einem Sänger oder Agenten in Rom ein, um den nächsten Tag bereits in London zu verbringen. Das klingt lustiger als es ist. Manchmal sagten Freunde ganz begeistert: „Du hast es schön, was du alles siehst!“ Bei dem Arbeitsplan, der mir auferlegt war, sah ich aber ziemlich wenig.

Neben dem Herumfliegen fuhr ich auch mit der Eisenbahn. Das entspricht eher meiner im Grunde konservativen Haltung. Ich verzichte seit zwanzig Jahren nach Möglichkeit auf das Autofahren. Schon dadurch unterscheide ich mich nachdrücklich von anderen Maklern. Die Eisenbahn ist gemütlich. Man kann zwischenzeitlich aufstehen und sich die Füße vertreten, kann bei Bedarf den Speisewagen aufsuchen, essen, trinken, schlimmstenfalls sogar arbeiten. Hinter einem gedämpften ´Rattatata´ (das steht nicht auf der Speisekarte sondern entspricht den Zuggeräuschen) erscheinen und verschwinden die seltsamsten Ortsnamen, die oft zu den kuriosesten Überlegungen einladen. Das ergeht nicht nur mir so.

Interim
Als der verheiratete Schwiegervater unseres unverheirateten Sohnes – so kompliziert sind die Familienverhältnisse heutzutage – bei uns zu Besuch weilte, verwechselte er die Ortsnamen Salzburg und Würzburg. Diese Vergesellschaftung liegt allerdings fast auf der Hand, heißt es doch im Liede: „Hurra dem Hopfen, hurra dem Malz, sie sind des Lebens Würz´ und Salz“. Zwischen Würz – Bindestrich – und Salzburg dürfte demnach eine geheime Verbindung bestehen, die mit alkoholischer Gärung zu tun hat.
Solche und ähnliche Verbindungen drängen sich bei deutschsprachigen Ortsnamen manchmal direkt auf. Jeder, der schon einmal in Frankfurt angekommen ist und aus dem Bahnhofsgebäude in das sogenannte Bahnhofsviertel trat, wird sich zwangsläufig an Schweinfurt erinnert fühlen, womit ich den unschuldigen Schweinfurtern wirklich nichts nachsagen möchte. So frei ist man in Frankfurt, daß man sogar die gleichnamigen Würstel „Wiener“ nennt.

Obwohl ich infolge des vollen Terminkalenders keinen Mangel an Geselligkeit litt, fiel es mir doch manchmal, wenn ich ein Mittag- oder Abendessen allein in einem Gasthaus zu mir nehmen mußte, wie Schuppen von den Augen. Ich erkannte, in welche Isolation sich unter Umständen reisende Kaufleute begeben, wenn sie nach ihrer Arbeit Tag für Tag allein an irgendeinem Wirtshaustisch sitzen. Sie essen und trinken, denken nach, entwickeln vielleicht aus diesen ihren Gedanken eine tiefere Erkenntnis, die sie wie einen Schatz aus dem schweren, roten Wein gehoben haben. Dann winken sie der Kellnerin und die das ganze Weltgerüst umspannende Einsicht ergießt sich in die Worte: „Bitte zahlen!“

Abschliessende Bemerkungen

Liebe DiabetikerInnen, verehrte sonstige, mehr oder weniger gesunde Zeitgenossen, nun warte ich seit fünfzig Jahren auf die bahnbrechende neue Heilmethode, die den Zuckerkranken wieder gesund macht. Die Menschheit ist inzwischen auf dem Mond gelandet und denkt daran, den Mars zu erobern. Sie denkt auch, damit einen wichtigen Schritt in der Evolution vorgenommen zu haben. Ich kann mich dieser Meinung nicht so recht anschließen.

Millionen von Diabetikern würden zweifelsohne mit Freuden auf das Erfolgserlebnis einer Mond- oder Marslandung verzichten, wenn sie statt dessen ihre Krankheit los würden.

Eine riesige Industrie befaßt sich mit der Herstellung neuer Untersuchungsgeräte, Insulin-Pens und anderer Verbrauchsgüter für Diabetiker. Natürlich ist es für uns Zuckerkranke sehr begrüßenswert, daß wir nicht mehr wie früher im Blindflug dahinleben müssen, sondern uns selbst jederzeit genau über unseren aktuellen Blutzuckerwert informieren können. Dafür sind wir, glaube ich, alle sehr dankbar.

Ich hege jedoch die wohl nicht ganz unberechtigte Befürchtung, daß diese Diabetesindustrie aus geschäftlichen Rücksichten überhaupt kein Interesse haben dürfte, die Forschungsarbeit hinsichtlich einer grundsätzlichen Heilmethode ihrerseits ernsthaft voranzutreiben. So schaurig das klingt, aber das Hemd ist dem Menschen näher als der Rock. Eine Industrie, die vom Bedarf vieler Millionen Zuckerkranker lebt, wäre wahrscheinlich kaum erfreut, wenn diese Zuckerkranken plötzlich gesund würden.

Ich hüte mich, sogar in meinen geheimsten Gedanken, diesen grausigen Verdacht auch auf Ärzte auszudehnen. Heißt es doch im hippokratischen Eid:
„Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.
Ich werde meinen Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde ausüben.
Die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit meiner Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein.
Dies alles verspreche ich auf meine Ehre.“

Lieb Vaterland, magst ruhig sein!

Ein wenig verwirrt mich der Gedanke, daß natürlich auch in der Diabetes-Industrie sehr viele Ärzte beschäftigt sind. Wie kommen diese mit dem offenbar unausweichlichen Interessenkonflikt zu Rande? Haben sie vielleicht nur einen hypothetischen Eid geschworen? Oder gar keinen? Lieb Vaterland, magst ruhig sein?

Am wirkungsvollsten wäre sicher eine breite, internationale Phalanx von Diabetikern, die im eigenen Interesse auf eine wesentlich stärkere Förderung der diesbezüglichen Forschungstätigkeit drängen. Wozu gibt es bereits so viele Diabetiker-Vereinigungen? Die Organisationen wären ja durchaus vorhanden. Ein kleiner Schönheitsfehler besteht darin, daß diese Organisationen, deren Arbeit mit vollem Recht gelobt wird, sich - um wirtschaftlich bestehen zu können - gerade an jene Diabetes-Industrie anlehnen, die an einer Abänderung des Status quo so gar kein Interesse haben dürfte.

Hier kann es doch nur einen Weg geben: das Hemd muß uns genau so näher sein als der Rock! Gleiches Recht für alle! Wenn wir schon Millionen gesundheitlich Benachteiligter sind, dann sollten wir uns zumindest den Vorteil unserer großen Anzahl zunutze machen, um unsere Interessen wirksamer durchzusetzen.

Als natürliche Verbündete bieten sich vor allem die Krankenkassen an, denn diese werden ja in ganz erheblichem Ausmaß zur Kasse gebeten. Und die Millionen, die einem solchen Forschungszweig zugewendet werden, spielen sich ganz locker wieder herein, wenn das erwünschte Ziel erreicht ist. Das kann man weder von der Mondlandung noch vom Mars-Projekt sagen. Ich wage zu behaupten, daß allein aus volkswirtschaftlichen Gründen bereits ein dringender Handlungsbedarf besteht! Was fehlt, ist die Lobby – und die müssen wir selbst sein!

Also, liebe Zuckerkranke, helft im eigenen gesundheitlichen Interesse und liebe Gesunde, helft im Interesse eures Geldbeutels nach Kräften mit, daß die Forschungsarbeit in diesem wichtigen Punkt noch viel mehr und viel stärker als bisher unterstützt und vorangetrieben wird!

Denn eines ist mir inzwischen leider klar geworden: nochmals „Fünfzig Jahre zuckerkrank“ schaffe ich nicht!


HG, Dezember 2000

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