
Eine junge Diabetikerin beschreibt ihre Odyssee vom Überfall in Rio de Janeiro bis zur Eroberung des Amazonas in Brasilien
Das Thrilling Adventure in den Favelas machte die Südtiroler Globetrotterin nur noch stärker. Mit den nötigen Vorkehrungen und ausreichendem Wissen über Diabetes, steht auch Diabetikern jedes Reiseziel offen.
Ich bin 34 Jahre alt, Diabetikerin seit 33 Jahren und habe durch meine Familie, der Hilfe und Anleitung mehrere Ärzte und durch viele Schulungen gelernt mit meinem Diabetes zu leben, mein Leben zu genießen und all das zu tun, was mir Spaß macht. Neben Wandern gehört auch das Reisen zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. In den letzten Jahren habe ich nicht nur europäische Länder bereist und kennen gelernt. Dadurch habe ich neben vielen positiven auch weniger Lustige Erfahrungen gemacht. Ich möchte daher meine Erfahrung von der Brasilienreise erzählen um allen Lesern - auch nicht Diabetikern - zu zeigen, dass es für jedes Problem eine Lösung gibt.
Im Jahr 2005 haben meine Freundin und ich beschlossen Brasilien zu besichtigen. Wir haben des öfteren organisierte Reisen mit Reisegruppen mit gemacht. Brasilien wollten wir teils organisiert teils unabhängig erkunden, d.h. wir hatten die Flüge, Hotels und auch einige Besichtigungen bereits über das Reisebüro organisiert.
Am 19. April 2005 war es dann endlich so weit: Wir sind von Bozen mit dem Zug nach Verona, von dort hatten wir den Flug über Frankfurt nach Rio de Janiero. Durch die mehrjährige Erfahrung und den verschiedenen Schulungen kam ich sowohl mit der Zeitumstellung als auch mit der langen Flugzeit gut zurecht. Wir sind am 20. April 2005 in Rio de Janiero gelandet, waren trotz der langen Flugzeit überhaupt nicht müde, haben uns im Hotel kurz frisch gemacht und haben sofort die weltbekannte Christusstatue Corcovado besucht. Am nächsten Tag wurden wir vom Reiseführer im Hotel abgeholt und wir haben am Vormittag eine hervorragende Stadtführung erlebt.
Am Nachmittag des 21. April sind wir dann - alleine! - mit der bekannten Zahnradbahn nach Santa Teresa gefahren, wo man die bunten, Favelas besichtigen konnte. Es war Mittag, wir hatten uns bereits für ein Restaurant entschieden, in dem wir die hervorragenden brasilianischen Speisen genießen wollten.Doch dazu sollte es nicht kommen!
Wenige Meter neben dem Restaurant waren Favelas zu besichtigen und wir wollten noch schnell ein unvergessliches Foto schießen, aber... Ich stand ca. 15 Meter von meiner Freundin entfernt, in meiner Nähe waren mehrere Leute, auch Männer, als mir ein dunkelhäutiger Herr die rechte Hand auf meine linke Schulter legte - freundschaftlich! Ich habe ihn angelächelt, weil ich glaubte, dass er mich nur was fragen wollte. Ich habe auch die Hand gesehen, die er unter meinem Gesicht hielt, habe mir aber nichts dabei gedacht. Er hat mich nochmals angesehen, hat die Hand unter meinem Gesicht / am Hals etwas entfernt und da habe ich plötzlich das Messer gesehen, welches er mir an den Hals gehalten hat. Er wollte nur meinen Rucksack, den ich auf meiner rechten Schulter trug, in dem sich neben dem Fotoapparat, wenig Geld und der VISA-Card auch mein Insulin und das Blutzuckermessgerät befanden.
Mir kam der Gedanke das Insulin und das Messgerät zu entnehmen, aber die Gefahr war zu groß!!! Ich überlies ihm meinen Rucksack, er lief davon - bei meiner Freundin vorbei, nahm auch ihren Rucksack mit und wir standen zur Mittagszeit, mitten in der Weltstadt Rio de Janiero in Tshirt und kurzer Hose, ohne Geld, ohne Hotelkarte und vor allem ohne Blutzuckermessgerät und ohne Insulin.Nach dem ersten Schock, haben uns zwei einheimische Frauen zur Polizeistation begleitet. Erst dort wurde uns langsam das Ausmaß des Überfalls deutlich. Nach einer Stunde wurden wir von zwei Beamtinnen mit einem Polizeiauto abgeholt und in die Stadt gebracht. Als wir dort mehrere verletzte Personen sahen, wurde uns unser Glück bewusst! Aber was sollte ich machen!? Ich hatte noch ReserveInsulin im Hotel, aber kein Blutzuckermessgerät und keinen Pen; außerdem würde mein ReserveInsulin nicht für beinahe 3 Wochen reichen.
Oh Gott, was sollte ich tun!? Wie sollte ich außerdem den Beamtinnen meine Situation erklären!? In einer fremden Sprache, an einem fremden Ort - ohne Insulin, ohne Blutzuckermessgerät!
Jeder Diabetiker kann vielleicht ahnen, wie ich mich fühlte. Mein erster Gedanke war: "Ich kann mit dem weltweiten Rückholdienst des "Weissen Kreuz" innerhalb von 2-3 Tagen nach Italien/Südtirol zurückfliegen" Das Insulin und ein Blutzuckermessgerät nach Brasilien einfliegen lassen, hätte zu lange gedauert; außerdem wollten wir ja in zwei Tagen weiter reisen und vier Tage im wilden Amazonas verbringen. Was sollte ich nur machen!?
Nachdem ich den ersten Schock überwunden hatte, habe ich den Beamten meine Situation zu erklären versucht. Trotz meiner geringen Englischkenntnisse haben die Beamten die Situation verstanden. Sie haben mir einen Besuch im Krankenhaus (sie können sich nicht vorstellen welchen Luxus von Krankenhaus wir in europäischen Ländern vorfinden!!!) angeboten. Die Polizei brauchte uns dorthin, wo wir mit einer Ärztin die Situation besprechen konnten. Mir wurde sofort ein Rezept für ein Blutzuckermessgerät, Teststreifen und Insulinspritzen ausgestellt, welche ich schließlich in einem Geschäft kaufen konnte (Gott sei Dank hatte meine Freundin noch die VISA-Card!) Das Blutzuckermessgerät war nicht das neueste Modell, mit den Insulinspritzen konnte ich auch das PenInsulin spritzen. Ich hatte zwar zu wenig Langzeitinsulin mit, aber ich konnte auch stattdessen mehrmals ein Kurzzeitinsulin spritzen.
Am nächsten Tag sah meine Freundin - per Zufall - in einem Einkaufzentrum einen Pen, den ich mir auch sofort kaufte. Sollte ich das Risiko eingehen und meine Reise doch weiter fortsetzen? Für einige Tage in den wilden, feuchten Amazonas, wo ich keine Ahnung hatte was mich dort noch erwartet? Oder sollte ich aufgeben und zurück fliegen!? Wenn ich bereits früher, in anderen Situationen aufgegeben hätte, dann wäre ich jetzt nicht hier wo ich heute bin!! Nein, ich gebe nicht auf !Am 23.April flogen wir nach Manaus, von wo wir mit dem Schiff in den Amazonas gebracht wurden. Dort durften wir mit einer Dschungelwanderung die Tier- und Pflanzenwelt kennen genießen lernen. Drei Tage später am 26.April flogen wir nach Recife und weiter am 1.Mai nach Costa do Sauipe/Salvador. Am 6.Mai traten wir die Heimreise an.
Brasilien ist ein temperamentvolles Land, welches ich trotz dieser Erfahrung nochmals besuchen möchte. Diese Erfahrung werde ich sicherlich nie vergessen, nein, diese Erfahrung hat mich noch stärker gemacht und mir gezeigt, dass man jedes noch so große Problem lösen kann, auch wenn es manchmal unlösbar erscheint.
Vor einigen Monaten hat mir ein guter Bekannter/Freund ein E-mail geschickt, welches mich sehr berührt hat und welches ich Ihnen, nicht nur Diabetikern auf Ihren Lebensweg mit geben möchte:
WAS DICH NICHT UMBRINGT
MACHT DICH STARKEs hat mich oft sehr viel Kraft gekostet bestimmte Situationen zu überwinden oder sie anzunehmen. Ich habe durch die Hilfe, Unterstützung und Annahme zahlreicher verschiedener Leute gelernt mit Diabetes zu leben und ich bin all jenen dankbar dafür. Es liegt mir sehr am Herzen allen Leuten, auch noch nicht Diabetikern, zu zeigen, dass man bestimmte Situationen annehmen muss, für bestimmte aber auch Lösungen suchen muss, die man finden kann, wenn man es will. Ich wünsche daher allen Diabetikerin angenehme und aufregende Reiseerlebnisse.
Liebe Grüße
Cäcilia Harder
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