
Am 27. November 1997 wurde unsere kleine Tochter
Alexandra geboren. Völlig gesund und munter, normalgewichtig und
selbstredend das schönste Baby weit und breit (welche Eltern
behaupten dies wohl nicht).
Ich möchte über meine Erfahrungen während der Schwangerschaft, aber auch über die Jahre davor, als mein Diabetes diagnostiziert wurde, berichten und anderen Frauen Mut machen, falls sie auch schon lange auf den Nachwuchs warten oder sich noch gar nicht so sicher sind, ob sie trotz Diabetes ein Kind bekommen sollen.
Ich wurde im Mai 1994 in die Gemeinschaft der insulinpflichtigen Diabetiker (Typ 1) aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt, mit 31 Jahren, hatte ich noch gehofft und geglaubt, doch noch eines Tages Mutterfreuden entgegensehen zu können (Anmerkung: ich war bereits einmal geschieden, seit Jahren ohne festen Partner, mein Ex-Mann durfte sich zwischenzeitlich "Vater" nennen, und obwohl ich ganz langsam anfing, die innere biologische Uhr ticken zu hören, glaubte ich doch noch, einen Lebenspartner finden zu können und ein Kind zu bekommen).
Als ich im August 1994 eingestellt wurde (ICT), stürzte ich in ein tiefes Loch. Ich war tatsächlich drauf und dran, meinen Kinderwunsch endgültig an den Nagel zu hängen. Konnte ich mir doch beim besten Willen nicht vorstellen, wie mein Leben künftig aussehen sollte, und dann noch ein Kind? Die Uhr tickte, einen Partner hatte ich nicht, dafür Diabetes und die dazugehörigen Horrorvisionen, falls ich mich in der Zukunft nicht entsprechend verhielt. Ich war drauf und dran, mich mit 31 Jahren sterilisieren zu lassen. Alle Hoffnung war dahin. Letztendlich hab ich es dann aber doch sein lassen (nicht zuletzt deshalb, weil ich 6 Jahre lang auch ohne jegliche Verhütung nicht schwanger wurde und glaubte, ich könne sowieso niemals schwanger werden, wozu also eine Sterilisation).
Die nächsten zwei Jahre waren regelrecht verlorene Jahre. Ich kasteite mich, versagte mir alle möglichen Leckereien (trotz Schulung und der entsprechenden Hinweise, was man trotz Diabetes noch alles darf; ich war bestrebt, mit möglichst wenig Insulin über die Runden zu kommen). Ich wurde päpstlicher, als der Papst. Meine Werte lagen von Anfang an im "Normalbereich", der HbA1c maximal bei 6,1, meist bei ca. 5,6, aber der Preis war eben: Verzicht, Verzicht, Verzicht.
Im Mai 1996 lernte ich meinen Mann Michael kennen. Und mit ihm kam ich wieder "auf den Geschmack". Ich aß - und vor allem genoß ich die Mahlzeiten auch (natürlich nicht, ohne meinen Insulinbedarf entsprechend darauf einzustellen). Bereits ein Jahr vor Michael versuchte ich mit Hilfe eines Therapeuten aus meinem selbstgemachten Gefängnis zu entfliehen. Dank dieser beiden Menschen fand ich regelrecht zurück ins Leben, konnte genießen, ohne zu bereuen.
Und ziemlich kurzfristig, nachdem Michael und ich uns kennengelernt hatten, wollten wir ein Kind. Jahrelang ist nix passiert - und im Juli 1996 war ich schwanger!
Meine erste Anlaufstelle war das Krankenhaus, in welchem ich zur Ersteinstellung war. Ich möchte jetzt gar nicht tiefer darauf eingehen, was dort von einer schwangeren Diabetikerin "erwartet" wurde. Nur soweit: es war der reinste Horror! 5 Spritzen täglich, alle zwei Stunden mußte ich essen (von Morgens 7.00 Uhr bis Abends 23.00 Uhr, ob ich hungrig war oder nicht), und natürlich viel messen (was noch das geringste Übel war), laufend das Gewicht kontrollieren und ja nicht zu viel zunehmen. Meine Nüchternwerte und postprandialen Werte nach dem Frühstück waren zuerst nicht so gut, deshalb "durfte" ich morgens um 5.00 Uhr zwischenspritzen bzw. mir wurde gesagt: dann müssen Sie eben noch eine Stunde früher aufstehen.
Ich war wohl ein strenges Regime gewohnt (aus eigenem Antrieb), aber die Vorgaben, die mir dort gemacht wurden (immer mit dem Hinweis: für Ihr Baby tun sie ALLES), waren haarsträubend. Auf meine Anfrage, ob ich denn mit einer Insulinpumpe nicht besser fahren würde, teilte man mir mit, daß kein Anlaß für eine Pumpe bestünde, solange man zum einen noch mit der Spritze prima zurecht kam, zum anderen man nicht gerade während einer Schwangerschaft mit der Pumpe beginnen sollte, da man sich an deren Gebrauch erst gewöhnen müsse (haarsträubende Gründe, finde ich).
Ich habe versucht, mich an alle Richtlinien zu halten. Der Streß war unglaublich groß. Vielleicht mag dieser Streß mit dazu beigetragen haben, daß ich das Baby sehr frühzeitig - etwa in der 10. Schwangerschaftswoche (SSW) verlor. Meine BZ-Werte waren hervorragend eingestellt, konnten also kaum der Grund für den Verlust sein. Wohl viel eher die psychische Belastung.
Fehlgeburten kommen viel häufiger vor, als man im allgemeinen annimmt. Wir ließen uns also nicht entmutigen. Allerdings wollte ich auf keinen Fall den Streß mit den Spritzen und dem Essen nochmals mitmachen.
Ich habe unmittelbar nach der Fehlgeburt eine andere Klinik aufgesucht und bin seit Ende September 1996 Pumpi (V 100, H-Tronin). Michael und ich wollten schnellstmöglich einen weiteren Versuch starten - diesmal mit Pumpe.
Was ich zur Zeit der Pumpeneinstellung noch nicht wußte: Ich war schon wieder schwanger!
Und weitere 6 Wochen später nicht mehr. Pumpe hin oder her, es hat wieder nicht funktioniert. Vielleicht waren die Schwangerschaften einfach zu schnell aufeinander erfolgt, wer weiß.
Im Dezember 96 sind Michael und ich in eine gemeinsame Wohnung gezogen, haben noch schnell geheiratet - und siehe da:
Am 15.04.97 wurde meine dritte Schwangerschaft festgestellt!
Wie Anfangs berichtet kam unser Töchterchen am 27.11.97 zur Welt. Wir haben es geschafft! Auch diesmal verlief nicht alles problemlos, aber gleich vorneweg: die Probleme, die ich während der Schwangerschaft hatte, hatten nie und zu keinem Zeitpunkt mit dem Diabetes zu tun, sondern hatten andere Ursachen.
Schwangere Diabetikerinnen sollten eine möglichst normnahe Einstellung ihrer Werte haben.
Konkret heißt das:
| Nüchternzucker | < 90 mg/dl |
| postprandial | < 180 mg/dl (1 Std. nach dem Essen)
< 140 mg/dl (2 Std. nach dem Essen) |
Warum werden eigentlich ziemlich strenge Maßregeln bei den BZ-Werten gesetzt? Die Gründe waren für mich sehr einleuchtend:
Ab der ca. 14 SSW hat das Baby eine eigene Bauchspeicheldrüse, die auch schon zum Einsatz kommt. Da das Baby über die Plazenta bzw. Nabelschnur versorgt wird, bekommt es auch all das ab, was die Mutter zu sich nimmt - an guten und "schlechten" Dingen. Demnach auch den Zucker.
Ist der Blutzucker der Mutter zu hoch, geht bei der kindlichen Bauspeicheldrüse der Befehl ein, mehr Insulin zu produzieren, um den Zucker abzubauen.
Mehr Insulin heißt, bessere Umwandlung in Energie für die Zellen - die zusätzliche Energie wird aber vom Baby gar nicht benötigt; also speichert das Baby die überschüssige Energie - in den Fettzellen. Das Baby wächst zu schnell, wird regelrecht dick. Deshalb haben schlecht eingestellte Diabetikerinnen oder Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes, der nur unzureichend behandelt wird, dann oft 9 oder sogar 10 Pfund schwere Babys.
Wenn also das Baby schon z.B. im 8. Schwangerschaftsmonat zu groß und schwer ist, muß es u.U. frühzeitig geholt werden, dies wiederum auf Kosten z.B. der Lungenfunktion, die noch nicht vollständig entwickelt ist. Auch andere Organe leiden darunter, das Baby ist zwar groß, aber unreif.
Außerdem: wenn schon vor der Geburt die Bauchspeicheldrüse des Babys zu sehr belastet wurde, besteht ein höheres Risiko, daß das Kind später (oder sogar ziemlich früh) ebenfalls einen DM entwickelt, weil die Bauchspeicheldrüse schon richtiggehend "ausgelutscht" ist.
Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht am Essen sparen (d.h. an den Kohlehydraten). Bei zu geringer KH-Zufuhr leidet das Baby zwar nicht mit (es holt sich alles von der Mutter), es ist aber laut Aussage meines Diabetologen so, daß diese Babys später prädestiniert sind, einen Typ 2 Diabetes zu entwickeln.
Bei diabetischen Schwangeren verändert sich im Laufe der Schwangerschaft der Insulinbedarf. Während er die ersten Wochen (bis zur ca. 14./16. Woche) weniger wird und man vermehrt zu Hypos neigt (ein Glas Wein kann katastrophale Folgen haben), steigt er ab der ca. 16. Woche an.
In den ersten 16 Wochen entzieht der Fötus der Mutter regelrecht sämtliche Energie. Wenn man bedenkt, welche Energien notwendig sind, um in wenigen Wochen einen kompletten kleinen Menschen anzulegen, der die restliche Schwangerschaft nur noch mit Wachsen und "Feinarbeit" beschäftigt ist, ist es gar nicht überraschend, wenn man als werdende Mutter plötzlich seiner Energiereserven verlustig geht und vermehrt zu Hypos - auch zu sehr schweren - neigt.
Der Grund für den späteren Anstieg liegt in einem Hormon, das während der Schwangerschaft gebildet wird (und zwar steigert sich die Hormonmenge laufend bei fortschreitender Schwangerschaft). Dieses Hormon bewirkt, daß man unempfindlicher auf Insulin reagiert und daher entsprechend mehr benötigt.
Am Ende einer Schwangerschaft kann der Insulinbedarf ein Mehrfaches der Anfangsdosis ausmachen. Dies ist jedoch individuell unterschiedlich. Ob der Insulinbedarf proportional zur Schwangerschaftswoche steigt, darüber habe ich leider keine Informationen. Ich kann lediglich im Augenblick aus meinen eigenen Erfahrungen berichten.
Für die Interessierten unter Euch: ich habe die Daten über meinen geänderten Insulinbedarf während der Schwangerschaft aufbereitet und eine kleine Grafik hierzu erstellt.

(Auf die Grafik klicken, um eine Vergrößerung zu laden)
Meine Schwangerschaft wurde am 15.04.97 festgestellt. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Gesamtdosis Insulin pro Tag ca. 36 Einheiten, wobei 50% auf die Basalrate und 50% auf die Boli entfielen.
Seit Beginn der Schwangerschaft sank der Gesamttagesinsulinbedarf insgesamt leicht (wenn man den Ausgangswert von 32,6 IE nimmt lag er zwischen der 15. und 20. SSW bei 29,5 IE), aber erwartungsgemäß ist der Bedarf dann ab Mitte Juni (21. SSW) ´97 kontinuierlich gestiegen.
Überraschend war für meinen Diabetologen, daß der Insulinbedarf Anfangs im Verhältnis nur gering angestiegen ist. Zwischen der 21. SSW und der 24. SSW lag er wieder bei meiner Ausgangsdosis, eine Steigerung lag also noch nicht vor.
Zum Zeitpunkt einer Schwangerschaft in der 25. SSW wäre zu erwarten gewesen, daß bereits wesentlich mehr Insulin nötig gewesen wäre, als dies bei mir der Fall war. Wir gingen jedoch davon aus, daß sich die Dosis in den folgenden Wochen noch stark ändern würde und sich somit dem "Lehrbuch" und den "Erfahrungen" anpaßt.
Bis fast zur 25. SSW war ich die Ausnahme von der Regel. Dies jedoch nicht zum ersten mal, da z.B. auch die Dosierung meiner Basalrate, die ich tagsüber benötige, nicht "lehrbuchmäßig" abläuft, d.h. zu Zeiten, wo die meisten Pumpenträger die niedrigste Dosis benötigen (z.B. um 2.00 h Nachts) brauche ich das meiste Insulin.
Einziges Problem, welches ich ca. ab der 26. SSW hatte, war, daß mein Körper auf den Bolus für die Mahlzeiten nur sehr verzögert reagiert hat. Der Bolus-Eßabstand betrug für ein Frühstück sage und schreibe zwischen 2 und 4 Stunden, Mittag- und Abendessen ging mit 1 - 1,5 Stunden noch relativ gut. Außerdem wurden die Mahlzeiten - was den KH-Anteil betraf - immer magerer. Mehr als 2 BE pro Mahlzeit war nicht drin. Dafür habe ich "zwischengenascht", so oft ich konnte.
Seltsamerweise schien jedoch die programmierte Basalrate genau meinen Bedürfnissen zu entsprechen.
Das Basal-Bolus-Verhältnis war (inzwischen war ich in der 29. SSW) aber ziemlich unausgeglichen: Basalrate: 22 Einheiten (39 %); Bolus: 35 Einheiten (61 %).
Nach einem kurzen Mailing in der Newsgroup zu dieser Zeit erhielt ich zwei Mails. Mir wurde das Zuspritzen mit U-40 Insulin empfohlen, da die Wirkung von U-40 anders verlaufen würde.
Ich war vorerst mehr als skeptisch, habe aber trotzdem bei meinem nächsten Arztbesuch meinen Diabetologen darauf angesprochen, auch bzw. wieder U-40 einzusetzen; dieser meinte aber, daß eigentlich keine "beweiskräftigen" Erkenntnisse vorlägen, daß die Wirkung tatsächlich anders verläuft. Ich gebe ihm soweit recht, daß oftmals die Einstellung (im Sinne von geistiger Haltung) eine Rolle für die Wirksamkeit von Medikamenten spielt (wie auch bei den Placebo-Tabletten). Auch meine Haltung war vorerst eigentlich eher "gegen" das U-40 Insulin, und ich habe fast mit einem Null-Unterschied gerechnet.
Nach kurzem Zögern habe ich dann - quasi im Selbstversuch - mein noch gebunkertes Actrapid zu den Mahlzeiten gespritzt.
Wie hatte ich mich getäuscht! Was soll ich sagen: ich war geplättet vom Erfolg des U-40 Insulins.
Ab der ca. 30. SSW verlief meine Insulinbehandlung folgendermaßen:
Meine Basalrate deckte ich nach wie vor mit der Pumpe und U-100 Insulin ab. Zu den Mahlzeiten griff ich zur Spritze mit U40.
Man könnte jetzt natürlich argumentieren: warum dann nicht gleich ganz die Pumpe ablegen, und wieder mit Verzögerungsinsulin spritzen?
Ganz einfach: meine Nüchternwerte waren supergut, das Basal benötigte Insulin war perfekt abgedeckt - never change a winning horse! Und mit Verzögerungsinsulin habe ich persönlich keine so guten Erfahrungen gemacht (vermutlich war's auch für mich damals das falsche Insulin).
Mit U-100 in der Pumpe und U-40 aus der Spritze hatte sich folgendes entscheidend verändert:
Natürlich wirkt auch das U-100, sonst würde die Pumpe nichts nützen, aber für die Mahlzeiten wirkt das Insulin einfach zu spät, dann entsprechend heftig und lange.
Ich war mehr als überrascht vom Erfolg. Auch Basal-Bolus war wieder besser ausgeglichen und als netter Nebeneffekt: da die BZ-Werte generell besser waren (postprandial niedriger), konnte ich mehr essen (3 BE statt 2 BE zum Frühstück, kein Verzicht mehr auf Zwischenhäppchen, dadurch insgesamt anstatt der schlappen 10 BE immerhin die gewünschten mindestens 14 BE/Tag).
Klar stellt sich für mich persönlich dann auch die Frage: wozu gibt es überhaupt das Lyspro, wenn U-40 den gleichen schnellen Wirkcharakter hat?
Bis zur 33. SSW war mein Insulinbedarf von Anfangs 32,6 Einheiten auf nunmehr 55 Einheiten gestiegen - also ein immer noch nur geringer Anstieg gemessen an der fortgeschrittenen Schwangerschaft.
Aber dann: zwischen der 32. und 36. SSW stieg mein Insulinbedarf sprunghaft an! Zuerst von 55 auf 73 Einheiten (33. - 34. SSW), dann von 73 auf 86,4 Einheiten (34. - 35 SSW), dann von 86,4 auf 114,6 Einheiten (die ich bis zur Entbindung beibehalten habe).
Das Verhältnis Basal-Bolus hatte sich auch wieder stark verändert (die Basalrate betrug 36 % der Gesamtdosis, später sogar nur noch 30 %). Aber das Ergebnis war schließlich wichtig. Und meine Werte waren hervorragend.
Mit zunehmendem Bauch wird es - nebenbei bemerkt - aber auch immer schwieriger, den Katheder zu legen. Direkt am Bauch zwickt er ziemlich, ich habe dann entweder in der Taillengegend oder direkt unterhalb der Rippen den Katheder gelegt.
Normalerweise sollten schwangere Diabetikerinnen alle 4 - 6 Wochen ihren HbA1c bestimmen lassen. Ganz so oft habe ich dies nicht machen lassen, da ich weder schwere Hypos, noch Ausreißer nach oben hatte (3 oder 4 mal hatte ich einen Wert über 200 mg/dl, aber nur für ganz kurze Zeit nach dem Essen).
Mein niedrigster HbA1c während der Schwangerschaft war 4,7, der höchste 5,7, gegen Ende der Schwangerschaft war er 5,6.
Diabetikerinnen, die sich ein Baby wünschen, sollten bereits vor der Schwangerschaft einen HbA1c um 5,8 haben, also sehr gut eingestellt sein. Eine schlechte Einstellung (nach oben) kann auch für Fehlgeburten verantwortlich sein, ständig erhöhte BZ-Werte während der Schwangerschaft und somit ein hoher HbA1c kann zu Mißbildungen am Fötus führen.
Als mein Diabetes entdeckt wurde, lag mein HbA1c bei 7,9. Nach wenigen Monaten rutschte er bereits auf 6,1. Ich bin 4 Jahre lang nicht mehr über einen Wert von 6,0 gekommen und hatte somit keine Probleme, den HbA1c auch während der Schwangerschaft zu halten oder noch zu verbessern.
Anfang März ´98 habe ich mich wieder checken lassen. Ich liege noch immer bei 5,7 und möchte dieses Ergebnis auch halten - mir zuliebe.
Da kann ich gar nicht so viel berichten. Ich habe das gemacht, was alle schwangeren Frauen normalerweise machen: gegessen, was mir geschmeckt hat und wozu ich Lust hatte. Diät und spezielle Produkte für Diabetiker? Eigentlich nie.
Die Angewohnheit, ausschließlich Vollkornprodukte zu essen, habe ich selbstverständlich nicht abgelegt. Wozu auch, diese Dinge schmecken mir. Nur mein Speiseeisbedarf ist sprunghaft angestiegen.
Ansonsten gilt, was auch für alle anderen - Gesunde wie auch Diabetiker - gilt: so gesund wie möglich essen. Ausnahmen sind immer drin, kleine "Schweinereien" ebenfalls, nix übertreiben und einfach genießen.
Für mich persönlich waren mehrere Kriterien für die Wahl der Klinik, in der ich unser Baby zur Welt bringen wollte, entscheidend.
Wichtigster Punkt war: sollte mein Baby zu früh kommen (die Möglichkeit bestand bei mir), muß die Klinik eine Frühgeborenenstation haben, auch für den Fall, daß mein Baby den Zeitplan einhält, aber nach der Entbindung eine engere Überwachung benötigt.
Babys diabetischer Mütter neigen zu starken Unterzuckerungen, vor allem auch dann, wenn die Mutter während der Schwangerschaft hohe BZ-Werte hatte. Der hohe Insulinbedarf der Mutter hat keinen Einfluß auf das Ungeborene, Insulin geht nicht in den kindlichen Blutkreislauf über. Wenn die Mutter allerdings zu hohe BZ-Werte hatte, arbeitet die kindliche Bauspeicheldrüse auf Hochtouren. Nach der Entbindung ist der Energielieferant "Mutter" plötzlich weg, aber die kindliche Bauchspeicheldrüse produziert nach wie vor erst einmal zuviel Insulin - das Baby unterzuckert.
Übrigens: Auch Babys gesunder Mütter unterzuckern sehr leicht, deshalb werden viele zusätzlich für kurze Zeit mit Glucose gefüttert. Nur ist eben diese Gefahr bei Kindern diabetischer Mütter höher.
Ich mag zwar etwas technikgläubig sein, aber eine moderne, große Klinik, die für alle Notfälle gerüstet ist und die die entsprechenden Überwachungsgeräte hat, hat für mich auch etwas beruhigendes.
Die Ärzte sollten auch Erfahrung mit diabetischen Müttern haben, zur Not eingreifen können (falls die Mutter selbst nicht mehr Herr der Lage und ihres BZ ist), ohne im Trüben zu fischen. Durch ein Gespräch mit einem Arzt kann man schon erkennen, ob z.B. regelmäßig diabetische Mütter dort entbinden und somit keine "Exoten" mehr sind.
In einer reinen Frauenklinik zu entbinden kann bedeuten, daß zwar (wenn rechtzeitig darauf hingewiesen wurde, daß die Mutter Diabetiker ist) ggf. ein Kinderarzt von einer Kinderklinik zugegen ist, um das Baby sofort zu untersuchen, aber auch manchmal das Kind dann in eine Kinderklinik verlegt wird - also weg von der Mutter!
Eine Geburt in einem Geburtshaus oder gar eine Hausgeburt halte ich für sehr bedenklich. Ich glaube, Geburtshäuser lehnen sogenannte Risikoschwangere (dies sind die Diabetikerinnen nunmal) sogar aus verständlichen Gründen ab. Auch wird sich wohl kaum eine Hebamme zur Hausgeburt bereit erklären, wenn sie über diesen "Zustand" der Mutter informiert ist.
Meinen Diabetologen hatte ich rechtzeitig auf das Thema "Pumpe und Entbindung" angesprochen, d.h. ob man vom Diabetologen für die Entbindung einen "Fahrplan" bekommt und wie man sich verhalten sollte. Zugegeben, ich war überrascht. Man bekommt eigentlich keinen Fahrplan, und zwar aus folgenden Gründen:
Der Hauptgrund ist einfach, daß schwangere Pumpenträgerinnen sich meistens hervorragend hinsichtlich der Insulin-Behandlung auskennen und den eigenen Körper und die Reaktionen in und auswendig kennen. Wortlaut: "Am besten regeln Sie das selbst".
Für mich hörte sich das an wie: Jegliche Einmischung von außen kann da unter Umständen mehr oder weniger daneben liegen, wenn es sich nicht um Ärzte handelt, die auf Diabetes getrimmt sind und auch die werdende Mutter über längere Zeit beobachtet - wenn nicht sogar eingestellt - haben.
Bleibt die Frage:
In wie weit bin ich während der Entbindung überhaupt in der
Lage, meinen BZ zu kontrollieren und selbst Entscheidungen zu treffen?
Für mich war klar: wenn ich selbst nicht in der Verfassung bin, mich um meinen Blutzucker zu kümmern, dann gebe ich eben das Zepter ab und lasse den Arzt entscheiden und jemand anderen messen. Wenn der BZ während der Entbindung nicht optimal eingestellt ist, ist das übrigens nicht so schlimm. Hauptsache, man fällt nicht in eine Hypo, dann schon lieber ein wenig zu hoch.
Nach Erfahrung meines Diabetologen legen die meisten Frauen während der Entbindung die Pumpe ab. Eine Ketoazidose droht nicht, wenn man den BZ laufend kontrolliert, oft sind nicht mal Korrekturen mit Insulin während der Entbindung notwendig.
Bereits "unmittelbar" nach der Entbindung ändert sich der Hormonhaushalt, der für die hohe Menge Insulin am Ende der Schwangerschaft verantwortlich war, rapide, und man wird sehr insulinempfindlich. Dies kann so weit gehen, daß die Wöchnerin für einige Tage gar kein Insulin zu den Mahlzeiten benötigt.
Ich habe nicht im Detail gefragt, wie denn dann der Stoffwechsel reguliert wird, falls keine Eigenproduktion mehr vorhanden ist. Nachdem ich aber zum einen gute Erfahrungen mit meinem Diabetologen gemacht habe und auch auf seine Erfahrungen vertraue, habe ich diese Aussage einfach mal so hingenommen und abgewartet, was passieren würde.
Während der Schwangerschaft "durfte" ich mich 3 mal in stationäre Behandlung begeben, hing mal am Tropf, mal bekam ich Antibiotika. Aber wie erwähnt: nicht wegen meines Blutzuckers. Mein "Ferienaufenthalt" im Krankenhaus hatte andere Ursachen.
Ab der 30. Woche werden bei schwangeren Diabetikerinnen normalerweise zusätzliche Untersuchungen vorgenommen. Zum einen 2-wöchentlich ein CTG (Kardiotokographie, damit werden die Herztöne kontrolliert, das ist dann so ähnlich wie ein EKG), zum anderen eine sog. "Doppler-Sonographie". Das ist eine spezielle Ultraschalluntersuchung, mit der zusätzlich die Blutversorgung des Babys farblich darstellbar ist. Funktioniert diese nicht richtig, ist das an den Farben zu erkennen, dann leidet das Baby an einen Mangel und muß ggf. "geholt" werden.
Nach meinem letzten stationären Aufenthalt in der 32. SSW war ich doch schon ein wenig angeschlagen und wurde immer engmaschiger betreut, alle möglichen und erwähnten Untersuchungen wurden vorgenommen. Gegen Ende der 37. SSW schlugen meine Blutwerte Kapriolen, ich mußte täglich in die Klinik zur Kontrolle, das (inzwischen tägliche) CTG unseres Babys war zwar gerade noch OK, aber grenzwertig.
In der 38. SSW wurde deshalb zwei Wochen vor dem errechneten Termin die Einleitung der Geburt vorgenommen. Dies ist heutzutage bei Diabetikerinnen nicht mehr üblich, wurde vor einigen Jahren aber fast regelmäßig gemacht, da die Ärzte bei schwangeren Diabetikerinnen immer Riesenbabys befürchteten.
Heutzutage kann eine Frau den normalen Entbindungstermin abwarten und ihr Baby auch normal gebären - sofern nicht medizinische Gründe (wie bei mir) dagegen sprechen, und ihre BZ-Einstellung während der Schwangerschaft gut war.
Am 26.11.97 um 13.30 h wurde die Geburt unserer Tochter eingeleitet. Die Pumpe habe ich nicht abgelegt, meine Werte lagen den ganzen Tag über um die 90 mg/dl. Um 17.00 h hatte ich die wunderbarsten Wehen, bereits einen Blasensprung (danach kommen erst die richtigen Wehen), um 19.00 h habe ich mich durch eine PDA (Periduralanästhesie, eine Betäubung, die über das Rückgrat mittels Katheder gegeben wird, und den Unterkörper ab unterem Rippenbogen schmerzunempfindlich macht) vom Schmerz befreien lassen.
Mein Frühstück gab es an diesem Tag um 7.00 h. Im Laufe des Vormittags habe ich ein Joghurt gegessen, während der ersten Stunden am Nachmittag hier und da mal einen Keks genascht. Und immer wieder: BZ-Kontrolle (1 x pro Stunde).
Ohne die PDA, denke ich, wäre ich nicht in der Lage gewesen, so regelmäßig meinen Blutzucker zu kontrollieren. Durch die eingeleitete Geburt wird man von den Wehen ziemlich schnell überrollt (ich rate nach Möglichkeit anderen Frauen, KEINE Einleitung vornehmen zu lassen, falls nicht unbedingt erforderlich, dann verläuft die sog. Eröffnungsphase i.d.R. langsamer, man hat mehr Zeit, sich auf die Geburt einzustellen).
Ab 20.00 h ging´s mir prima. Ich lag zwar müde, aber lächelnd im Kreißsaal, habe weiterhin Kekse genascht um keine Hypo zu riskieren, und meinen BZ kontrolliert. Die Pumpe hing in Partnerschaft mit anderen Schläuchen und Meßgeräten an meinem Körper, meine BZ-Werte waren und blieben ganz prima.
Dummerweise ließen dann aber gegen 23.00 h die Wehen nach, und deshalb wurde ich von Links von einem Wehentropf flankiert. Und dann tat sich nichts mehr: Geburtsstillstand, das Baby hat die Geburtsposition nicht richtig gefunden und den Kopf ständig gedreht, Fruchtwasser wurde grün (kein gutes Zeichen), die Herztöne des Babys wurden schlechter, ich bekam Fieber. Nichts ging mehr.
Um 3.00 h am 27.11.97 riet der Arzt zu einem Kaiserschnitt. In Absprache mit der Anästesistin wurde dieser mit lokaler Betäubung vorgenommen.
Mein BZ lag unmittelbar vor dem Kaiserschnitt bei 90 mg/dl. Erst zu diesem Zeitpunkt habe ich mich von meiner Pumpe getrennt (die Anästesisten sind immer ein wenig ängstlich finde ich, persönlich hätte ich die Pumpe drangelassen, da der BZ bei einer OP meist ansteigt).
Um 4.26 h wurde unser Mädel ans Licht der Welt geholt, gecheckt und für - soweit zu diesem Zeitpunkt ersichtlich - als gesund empfunden.
Zurück im Kreißsaal, wo mich ein glücklicher Vater erwartete, haben wir sofort wieder den BZ gemessen. Es war inzwischen 5.15 h. Der Wert lag bei 160 mg/dl, also doch erhöht. Die Pumpe habe ich nicht wieder angelegt, da ich erst den weiteren Verlauf beobachten wollte.
Eine weitere Stunde später fiel der BZ wieder auf 130 mg/dl. Nach einem Kaiserschnitt darf man zwei Tage lang nichts essen. Nun hatte ich gelernt, daß selbst bei geringem Appetit oder wenn man nichts ißt, der Körper trotzdem Insulin benötigt. Nicht so nach einer Entbindung. Mein Insulinbedarf nach der Entbindung fiel für 3 Tage von rd. 114 Einheiten auf 0 Einheiten. Und das nur, weil mit der Entbindung plötzlich die Hormone eine Kehrtwendung machen.
Unser Baby bekam ich nur ca. 20 Minuten zu Gesicht, dann wurde Alexandra zur Kontrolle bis ca. 18.00h Abends auf die Babyintensivstation gelegt. Als ich sie am Abend zu Gesicht bekam, bin ich erst mal ein wenig erschrocken. Dem kleinen Wurm steckte ein Katheder im Handrücken, durch welchen ihr laufend Glucose und zwischendurch Antibiotika zugeführt wurde. 3 Tage lang hatte sie den Tropf (der nur zur Sicherheit diente, denn ihre Werte waren eigentlich recht gut).
Dann war der Tropf ab - und dafür ein kleiner Katheder in einer Ader am Kopf angebracht worden. Sie sah aus wie ein Marsmännchen mit einer Antenne. Darüber erhielt sie Antibiotika, weil sie grünes Fruchtwasser geschluckt hatte und man einer Infektion vorbeugen wollte (mit Antibiotika durfte ich auch einige Tage leben, ich fieberte schließlich während der Geburt).
Erst drei Tage nach der Entbindung habe ich wieder meine Pumpe angelegt, die Basalrate aber sofort umprogrammiert. Die Basalrate lag am Ende der Schwangerschaft bei 34,6 Einheiten. Die neue Basalrate nach der Entbindung bei 14,5 Einheiten. Der vor der Entbindung benötigte Bolus für die Mahlzeiten (U-40 Insulin) war 80 Einheiten, am 3. Tag nach der Entbindung kam ich mit 19 Einheiten (noch U-40) zurecht. Allerdings immer mit Zwischenmahlzeiten. Ohne wäre ich gnadenlos in Hypos gefallen, aber für die Mahlzeiten selbst habe ich die Dosis gebraucht, sonst wären die Werte wieder zu hoch gewesen.
Ich wollte unser Baby stillen, und zu meiner Freude ist dies auch gelungen. Das Problem war: während des Stillens sauste mein BZ nach unten. Also fing ich an, gemeinsam mit meiner Tochter zu "essen". Sie Milch, ich Zwieback, Plätzchen, Obst oder Schokolade.
Während der Schwangerschaft habe ich mit einem anderen Gynäkologen in einer Klinik gesprochen, die evtl. für die Entbindung in Frage gekommen wäre. Dieser Arzt fragte mich, ob ich mein Baby stillen wolle. Ich bejahte. Als Antwort erhielt ich: "Da mache ich Ihnen keine großen Hoffnungen. Diabetikerinnen können ihre Babys meistens nicht stillen."
Warum, hat er mir nicht erklärt. Aber ich nehme an, er hat die Tendenz zu Hypos gemeint, die man - ich hab's bewiesen - aber prima meistern und verhindern kann.
Alexandra ist jetzt 5 Monate alt, ich stille sie noch immer, und zwar ausschließlich.
Diabetikerin zu sein und ein Baby zu erwarten ist gewiß kein reines Honigschlecken, mit Sicherheit aber auch kein Riesenproblem. Mit einem gut eingestellten Diabetes, ein klein wenig Disziplin und wenn man die richtigen Ärzte hat, die einen während der Schwangerschaft begleiten und denen man vertrauen kann, kann man wie jede andere Frau ganz normal schwanger sein.
Aufgrund der gesundheitlichen Probleme, die ich während der Schwangerschaft hatte, die aber nicht diabetischer Natur waren, habe ich kurz vor und kurz nach der Entbindung einmal geäußert: Schwangerschaft wäre keines meiner Hobbys.
Im nachhinein - trotz aller Unwägbarkeiten - muß ich sagen: Ich habe die Schwangerschaft genossen und ein wundervolles, gesundes Mädchen zur Welt gebracht.
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CJ, Mai 1998