
Ich war grade süße 14, der Moment also, wo man sich "endlich" von den Eltern abnabelt, als plötzlich und für mich völlig unerwartet die Diagnose Diabetes feststand.
Meine Mutter hatte drauf bestanden, daß ich zum Arzt ging, da ich ständig schlief und sie der Meinung war, daß 4 Liter Limo am Tag nicht normal wären. Da ich Glück im Unglück hatte und von unserem Hausarzt gleich überwiesen wurde, landete ich 3 Stunden nach der Diagnose im Diabetes-Forschungs-Institut der Uni Düsseldorf. Ich wurde drei Wochen lang auf konventionelle Therapie eingestellt. Von der Zeit danach weiß ich eigentlich nur noch, daß ich furchtbar ungern um 18.00 Uhr zum Abendessen nach Hause kam wenn alle anderen Mädels in meinem Alter bis acht wegbleiben durften und das ich grundsätzlich immer dann keinen Hunger hatte, wenn eine Zwischenmahlzeit anstand.
Auch mein Zuckermeßgerät trug dazu bei, daß ich das mit dem Testen so gut wie nie tagsüber durchführte. Ich, damals noch recht schüchtern, sollte in einer vollbesetzten Schulklasse mit einem Gerät, bei dem man die Signaltöne nicht ausstellen konnte testen?? Nö, laß mal lieber.
In dieser Zeit war ich auch schon ausgesprochen experimentierfreudig: Mein schönstes "Spiel" war immer nicht zu spritzen und alles zu essen, auf das ich Lust hatte und dabei auszuprobieren, wie lange es dauert bis ich umkippe. HbA1 um die 12 % war dafür auch mein Standard.
Schon etwas älter und weiser kam ich mit 17 zum zweiten mal in die Uni. Die Einstellung auf intensivierte Therapie dauerte 5 Wochen, da ich einen schwer einstellbaren Diabetes hatte, aber danach ging es mir wesentlich besser. Auch testen war für mich kein Problem mehr. Mit dem neuen Meßgerät ohne Pieptöne traute ich mich auch in der Schule oder im Kino. Meine Einstellung wurde etwas besser (HbA1 zw. 9,5 und 11), mein Frust jedoch immer größer. Hatte ich mich die letzten Jahre um nichts gekümmert, waren mir die schlechten Werte ja klar gewesen, jetzt aber machte ich mir mit meinem Diabetes richtig Arbeit und es tat sich doch nichts, zumindest nichts wesentliches. Auch eine Neueinstellung vier Jahre später brachte keine enormen Verbesserungen.
Vor drei Jahren dann reichte es mir endgültig. Mittlerweile vier Jahre in einer festen Beziehung war ich mir sicher das, wenn mein Partner mich aushalten konnte, er auch mit der Pumpe klar käme. Relativ kurz entschlossen ging ich also zum vierten Mal in die Uni. Grinsend erinnre ich mich immer noch gern an das "erste Mal". Nachdem mir also x-mal alles theoretisch erklärt wurde, kam der Moment wo die Nadel zum ersten mal in den Bauch mußte. Gut, daß kennt man ja vom Spritzen. Als ich mich dann aber im Beisein der Krankenschwester auf´s Bett setzten wollte, muß ich das wohl wie im neunten Monat schwanger gemacht haben. Hände zum abstützen nach hinten und dann gaaaanz vorsichtig runterlassen. Doch oh Wunder: Es tat gar nichts weh!
Seit dem sind meine Pumpe und ich gut befreundet. Es dauerte zwar zu Hause ca. 3 Monate, bis alles klar war z.B. wie duschen, wohin mit der Pumpe nachts oder was tun im eng anliegenden Kleid, aber alles hat sich gefunden. Und ein großes Lob an den Hersteller des Pumpengehäuses: Wo diese Pumpe schon gegengeschlagen ist und wie oft sie schon auf dem Boden gelandet ist, weil sie mir mittlerweile so vertraut ist, daß ich sie ständig vergesse; eigentlich müßte sie schon tausendmal kaputt gegangen sein. Aber nee, immer noch heile.
Mein HbA1 liegt seit Pumpe standardmäßig um die 6,5; meine Laune und mein Allgemeinbefinden sind super. Beruflich wesentlich weniger Krankentage, privat weniger Streß wegen fehlender Stimmungsschwankungen. Diätetische Lebensmittel sind mittlerweile ein Fremdwort für mich.
Ich hab zwar wahnsinnig Dusel gehabt, daß ich dreizehn Jahre Diabetes mit teilweise superschlechter Einstellung so unversehrt überlebt habe (keine Spätschäden, toi toi toi), aber ich weiß daß das leider ein Einzelfall ist. Ich kann eigentlich nur jedem zur Pumpe raten, denn mir persönlich sind zwar zehntausend Vorteile, aber kein einzelner Nachteil aufgefallen.
AV, April 1997