
Ich bin 24 Jahre alt und seit 8 Monaten Diabetikerin (na ja, wahrscheinlich schon seit länger als 8 Monate).
Da ich in Deutschland geboren und dort auch 22 Jahre lang aufgewachsen bin, dort also meine ganze Schulausbildung geniessen konnte, schreibe und spreche ich perfekt deutsch. Erst vor 2 Jahren habe ich beschlossen in mein Heimatland Portugal, wenn man das so nennen kann, auszuwandern. Meine Familie ist portugiesicher Abstammung. Meine Eltern sind Anfang der 70er Jahre nach Deutschland emigriert als die sogenannten Gastarbeiter.
Aber nun zu meiner Geschichte:
Im September ´99 verliess mich mein Freund, was sehr schmerzhaft für mich war, besonders weil wir schon Heiratsplaene hatten. In der Zeit fiel eine Welt für mich zusammen.
Anfangs hatte ich natürlich keinen Hunger (wer hat nach so einer Enttäuschung schon Hunger?). Aber da jeder Liebeskummer auch mal vergeht, fing ich wieder an normal zu essen und war wieder gutgelaunt wie immer. Sogar noch besser gelaunt, da ich trotz der Mengen Nahrung, die ich zu mir nahm, einfach nicht dicker wurde - ganz im Gegenteil: ich nahm sogar weiterhin ab.
Dazu kam dieser furchtbare Durst, der mich sogar Nachts um 3 Uhr morgens aus dem Bett holte, um Wasser zu trinken. Und dann dieses staendige "aufs Klo gehen"!!! Zwei Monate später wog ich nur noch 46 kg und war ständig müde, erschöpft und sah aus wie eine Mager- oder Drogensüchtige. Nach mehrerem Bitten und Betteln meiner Mutter bin ich also zum Arzt und bat ihn um einen Bluttest.
Ach ja, ich lebe in Portugal. d.h., das Gesundheitssystem läuft hier ganz anders. Mein Hausarzt ist im Krankenhaus beschäftigt und die Blutproben (Analysen) dürfen in einem Labor nur dann gemacht werden, wenn mein Arzt mir eine entsprechende Überweisung ausschreibt.
Eine Woche später war ich wieder bei meinen Arzt und der sagte, nachdem er das Testergebnis gelesen hat, ganz gelassen zu mir: "Tatsächlich, Sie haben wirklich Diabetes. Ich hatte eher Anemie befürchtet."
Daraufhin klärte er mich auf. Ich solle einen Diabetesarzt (oder -spezialisten) aufsuchen, der mich nun auf meinen Weg begleiten soll. Schrieb mir ein Rezept für Antidiabetika aus und sagte mir, was ich essen darf und was ich auf gar keinen Fall essen soll . Ich solle mich viel bewegen und auf meine Füsse achten.
Ich dachte: "Was haben meine Füsse damit zu tun?"
Ok, kaum war ich ruhig und gelassen aus dem Zimmer, brach ich in Tränen aus und wieder fiel meine kleine heile Welt zusammen und ich fragte mich: "Warum muss ausgerechnet mir sowas passieren?"
Ich, die nie viele Süssigkeiten gegessen hatte, um eben vorzusorgen weil ich bin erblich vorbelastet durch meine Oma und meinen Onkel, werde bei aller Vorsicht trotzdem krank. Ausserdem erkranken doch nur Alte und Dicke an Diabetes, dachte ich, und ich bin gerade mal 1,58 gross, wiege 55 kg (normalerweise). Tja, aber so einfach ist es doch nicht, wie ich später noch erfahren soll.
Als es darum ging, den Termin mit dem Spezialisten auszumachen, hatte ich es ehrlich gesagt gar nicht mal so eilig und sagte der netten Dame am Empfang, es wäre kein Problem, wenn sie erst im Januar was frei hätte. Sie lächelte und machte einen Termin für den 23.12. - Na super, mein Weihnachtsgeschenk!
In der Zwischenzeit, nahm ich brav meine Tabletten und führte eine super-strenge Diät durch. Meine Werte lagen trotzdem immer bei 230 - 300 mg/dl und an Gewicht nahm ich auch nicht zu. In der Arbeit sagte ich keinem, ausser meiner Arbeitskollegin, was ich habe und alle fanden, ich sähe kränklich aus. Manche sagten mir sogar ins Gesicht, ich wäre magersüchtig, und die Tatsache, dass ich wenig essen würde und ständig auf dem Klo sei, wäre meine Brechsucht.
Da ich diese Zeit, mehr oder weniger, in Trance verbracht habe, war es mir auf gut deutsch gesagt "sch....egal", was man mir sagte. Ich wollte einfach nur, dass der Alptraum schnell vorbei ging.
Einen Tag vor Weihnachten war ich dann bei diesem Spezialisten. Der war schon etwas angenehmer als mein Hausarzt und sagte mir, dass ich bei diesen Testergebnis mit einer hohen Sicherheit schon bald die Spritze benötige. "Oh mein Gott, bloss nicht." Ich habe eine richtige Phobie was Spritzen und Pickser angeht. Er sagte mir, ich müsse nun mal stark sein und mich über die Feiertage mit dem Gedanken an die Spritze vertraut machen.
Die Schwester ging mit mir in einen Nebenraum, drückte mir einen Pen in die Hand und erklärte mir, wie der funktioniert. Dann sollte ich mir in den Bauch piecksen und dabei merkte ich schon, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Ich athmete tief durch und pieckste mich. Erleichterung, so schlimm war es gar nicht! Noch am selben Tag ging ich zur Apotheke und besorgte mir das erste Insulin.
Der 24. kam und ich schaute den Pen an.
Der 25. - und der Pen lag immer noch unbenutzt da.
Am 26. entschloss ich mich, die Ampulle in den Pen zu schieben, schloss den Pen dann aber wieder und nahm doch wieder eine Tablette.
Meine Werte waren natürlich superhoch und endlich, am 28. nahm ich den Pen und gab mir den ersten "Schuss".
Und wie heisst es so schön? Nur das erste Mal ist das schwerste Mal!
Nun ist ein halbes Jahr vergangen und ich komme mit 8 Einheiten morgens und 6 Einheiten abends ganz gut aus.
Essen kann ich alles, sogar ab und zu mal was Suesses, wenn mein Wert bei 50mg/dl liegt.
Ich wiege nun 50-51 Kg und sehe nicht mehr so krank aus.
Zuhause achten alle auf meine Ernährung und die die "es" wissen, löchern mich nicht ständig mit blöden Fragen.
Ich habe bis jetzt geschafft, meinen Diabetes einigermassen unter Kontrolle zu halten. Muss allerdings sagen, dass ich es nicht mit Hilfe von Ärzten oder irgendwelchen Psychologen oder Diätassistenten geschafft habe. Ich wühle mich durch Internet und Bücher durch, um so viel wie möglich von meiner Krankheit zu erfahren, und warte nicht auf den nächsten Arztbesuch, um meinen Arzt um Rat zu fragen.
Ich habe gelernt, alleine mit meinem Problem fertig zu werden. Ja, Problem! Weil ich weiterhin nicht akzeptiere, dass meine Krankheit unheilbar ist und ich mich mein Lebenlang damit abfinden muss, mich 2mal (wer weiss ob nicht mehrmals) am Tag piecksen zu müssen.
Ich erzähle es auch noch keinem freiwillig, es sei denn es ist unbedingt notwendig. Aber dann immer mit dem Hinweis: "...es bleibt doch bitte unter uns!"
Als Diabetikerin bin ich meiner Ansicht nach auch in Portugal schon gut versorgt, aber das ist ja nur relativ, schliesslich benötige ich ja auch noch nicht soviel aerztliche Unterstuetzung. Zu Anfang bekam ich
einen Pen umsonst. Das Insulin muss ich auch nicht bezahlen. Was die Nadeln, Teststreifen und Urinteststreifen angeht, zahle ich alles selbst, kann jedoch am Ende des Jahres alles bei meinem Einkommensteuerausgleich wiederholen (hoffe ich jedenfalls, bis jetzt habe ich noch nichts bekommen).
Aber das ist nur die eine Seite. Sicher, Diabetes tut nicht weh, jedenfalls nicht körperlich, aber es zerfrisst einen psychisch. Besonders weil ich mir meine Zukunft mit Mann und Kindern einfach nicht mehr so vorstellen kann. Wer will schon eine an der Nadel hängende, die womöglich noch kranke Kinder zur Welt bringt?
Ich hoffe aber das sich diese Bedenken mit einem neuen Freund bald zerschlagen werden.
Es gibt Tage an denen ich sehr zuversichtlich bin, es gibt aber auch die Tage an denen ich mich bestraft fühle. Und an diesen Tagen ist es wirklich nicht einfach. Da ist es ganz gut mal andere Erfahrungsberichte lesen zu können um wieder etwas Mut zu fassen.
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